8. März: Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus!

Rede der antifa gruppe 5 auf der Demo am 8. März 2011 in Marburg

In Marburg bietet der evangelikale ChristusTreff inzwischen ein dichtes Netzwerk für die evangelikale Szene. Hier im Steinweg befindet sich das Büro, donnerstags findet ein großer Gottesdienst in der lutherischen Pfarrkirche statt und auch am Marburger Richtsberg besitzt der CT ein Gebäude. In Marburg wird der Christus Treff durch Öffentliche Gelder und bei der Vergabe von Räumlichkeiten regelmäßig massiv von der Lokalpolitik unterstützt. Der Christus Treff ist jedoch keine harmlose Freizeitorganisation, sondern stützt eine rückwärtsgewandte, homophobe und sexistische Ideologie und es wäre von Seiten der Stadt auch Zeit, dies einzusehen (schöne Grüße!).

Roland Werner, der sich selbst als geheilten Homosexuellen bezeichnet, steht seit Jahren an der Spitze des Christus Treff. Werner ist bekannt für seine Veröffentlichungen zum Thema Homosexualität, die die Möglichkeit der Heilung gezielt implizieren und steht exemplarisch für das intensive Sendungsbewusstsein des Christus Treff. Skandalös ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung der evangelischen Großorganisation “Christlicher Verein Junger Menschen”, Roland Werner ab 2011 zu ihrem Generalsekretär zu machen. Hier gewinnt eine fundamentalistische christliche Ausrichtung enorm an Einfluss.

Evangelikale verstehen wir als eine konservative Strömung innerhalb des Protestantismus, die sich durch eine wörtliche Bibelauslegung auszeichnet. Sie erkennen zu einem Großteil andere Religionen nicht als gleichwertig an und geben sich sendungsbewusst, was bedeutet, dass etwa politische Betätigung und Missionsarbeit ein wichtiger Teil ihres Glaubens sind.

Die Außenwirkung evangelikaler Einrichtungen im deutschsprachigen Raum ist bewusst auf modern und jugendlich getrimmt. Die Gottesdienste bieten vordergründig viel Musik und ein großes Maß an Möglichkeiten, sich selbst einzubringen. Auch neben den Gottesdiensten gibt es zahlreiche Angebote, von Freizeiten über Gesprächskreise, die ein offenes und attraktives Bild vermitteln sollen, das allerdings der fundamentalistischen Glaubensausrichtung diametral entgegensteht. So wird auch mit zunehmendem Engagement in der evangelikalen Strömung die zutiefst hierarchische Ausrichtung spürbar, wenn unmittelbar in das Privatleben der Beteiligten eingegriffen und dieses kontrolliert wird.

Dieser Eingriff in das Privatleben äußert sich vor allem im einem propagierten Bild von Ehe und Familie, das durch eine wörtliche und aus dem historischen Zusammenhang gerissene Auslegung der Bibel zustande kommt. Insofern wird Homosexualität nach wie vor als Sünde, Krankheit oder Perversion gewertet, Sex vor der Ehe oder alles, was außerhalb der Ehe Lust erzeugen könnte, werden im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt.

Auch zum Thema Schwangerschaftsabbruch beziehen Evangelikale seit Jahren vehement Position: Für sie ist Abtreibung schlicht und ergreifend Mord. Doch es wird nicht nur so genanntes ungeborenes Leben vernichtet -Holocaust-Vergleiche sind hier nicht selten-, sondern nach Ansicht vieler evangelikaler hat eine Abtreibung auch verheerende Folgen für die Betroffene: Neben ihrem Festhalten an einem angeblichen Zusammenhang zwischen Schwangerschaftsabbrüchen und erhöhtem Brustkrebsrisiko, halten sie auch die Existenz eines Post-Abortion-Syndroms für bewiesen. Dieses Syndrom soll erhebliche psychische Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen beschreiben, in der Medizin gilt diese Erkenntnis allerdings seit Jahren als nicht haltbar.

Sexuelle Selbstbestimmung gibt es in dieser Gemeinschaft evangelikaler Christen nicht!!!

Warum ein Redebeitrag zu Evangelikalen auf einer Demo unter dem Motto “My Body my choice”?

Wir gehen nicht davon aus, dass fundamentalistische Christ_innen die aktuelle größte Gefahr für die Rechte von Frauen, Homosexuellen und Nicht-Christ_innen in Deutschland darstellen. Allerdings  glauben wir, dass der Einfluss von Evangelikalen  in der so genannten Mitte der Gesellschaft wächst, nicht zuletzt , da sie als Lobbygruppen und Publizist_innen straff organisiert und auch finanziell gut aufgestellt sind. Ihr Ziel ist es, ganz bewusst Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen, was problematisch ist, wenn man bedenkt, wie gering der Stellenwert eines selbstbestimmten Lebens bei Vertretern der evangelikalen Strömung angesehen wird. My body my choice gilt hier weder im Bereich einer selbstbestimmten Sexualität, noch im Bereich einer eigenen Entscheidung darüber, Kinder zu bekommen oder eben nicht.

Wir halten es für notwendig, dass auf die evangelikalen Umtriebe entschieden reagiert und Aufklärung darüber betrieben wird, was ein “evangelikaler Grundkonsens” im Leben von Menschen anrichten kann.

Auch heute lautet also unser Aufruf:

Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus!

als mp3: Rede 8 Maerz