Antifaschismus braucht Kontinuität

Das Einfache, das schwer zu machen ist
Sollte es der Linken wieder gelingen, im größeren Maßstab Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen, so wird sie dafür unter anderem organisiert sein. Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Diese kleinste Aufgabe, sich zu organisieren, bietet weder Anlaß zu weitergehenden Erwartungen noch kann sie Mittelpunkt der eigenen Politik sein. Es geht um das Notwendige, ohne das alles weitere nur eitles Geschwätz ist. Nur die Bewegung, die sich in Strukturen niederschlägt und damit Kontinuität gewährleistet, kann längerfristig Perspektiven bieten. Organisationen sind träge, also kontinuierlich, sie sind wahrnehmbar, haben Kontaktadressen und klare Grundlagen, so daß nicht jede Zusammenarbeit von persönlichen Sympathien abhängig ist. Eine Organisation ist die Voraussetzung dafür, daß der Austausch von Erfahrungen und Konzepten fruchtet, denn entscheidend ist nicht die gegenseitige Information. Vielmehr ist es das gemeinsame Beobachten und Analysieren von Entwicklungen, die langfristig angelegte gegenseitige Unterstützung. Gerade die Erfahrung der Autonomen hat gezeigt, daß sich Austausch nur lohnt, wenn nicht alle Entwicklungen immer von vorne anfangen und Erfahrungen gezielt weitergegeben werden können, wenn sie sich in organisierten Strukturen niederschlagen. In den Worten von Brecht: »Der Denkende benützt kein Licht zuviel, kein Stück Brot zuviel, keinen Gedanken zuviel.«

Gegen Organisation als Selbstzweck
Dennoch gibt es massive Vorbehalte in der radikalen Linken gegenüber Organisationen. Dies ist zum einen der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz geschuldet, für sich selbst eine möglichst weitgehende Autonomie zu beanspruchen; als unfreiwilliges Ideal vor Augen den personen- und ortsunabhängigen Manager oder den Yuppie-Single­Haushalt. Neben dieser allgemeinen Tendenz spielen spezielle linke Erfahrungen eine Rolle. In der DDR zeigte sich an der Staatspartei SED, welche Folgen eine Organisation an der Macht hat, die sich von den gesellschaftlichen Gegebenheiten entfernt und die Selbsterhaltung als oberstes Ziel setzt: Bürokratisierung, Phrasendrescherei und Mitläufertum wurden zu den Kennzeichen einer Gesellschaft, die sich über ihre eigene Erfolglosigkeit jahrzehntelang hinwegtäuschte. In der BRD kamen dazu Erfahrungen mit kommunistischen Mini-Parteien, die Selbstzerfleischung und interne Machtkämpfe ganz vorne auf die Tagesordnung stellten und in erster Linie durch penetrante Eigenwerbung in Erscheinung traten. In der Linken dominierten in der ersten Hälfte der siebziger Jahre die kommunistischen Kader­organisationen. Viele Sympathisanten wurden schnell der aggressiven Agitation müde; Organisiertheit wurde zum Inbegriff des Negativen. Beispielsweise erhielten Organisierte auf den studentischen Vollversammlung der FU Berlin Redeverbot. Mit der Erfahrung der Grünen wuchsen die Vorbehalte in den außerparlamentarischen Bewegungen. Ein anfänglich basisdemokratischer »Arm der Bewegung« unter Beteiligung zahlreicher Kommunisten mutierte zur staatstragenden Partei der neuen Mittelschicht unter dem Motto, jetzt die Enttäuschungen des sozialistischen Menschheitsideals im Zeitraffer hinter sich gelassen zu haben. Dies ging einher mit dem Besetzen der ökonomischen Nischen in Parlamenten und Stiftungen. Die Kritik daran vergißt allerdings, dass sich diese Entwicklung in den Organisationen wegen ihrer Kontinuität nur deutlicher zeigt, aber nicht in der Organisierung begründet liegt. Nur weil die Organisierten weiter in der öffentlichen Diskussion waren, ließ sich hier der Niedergang feststellen, der in schwammigeren Zusammenhängen als biographischer Bruch mit der eigenen Vergangenheit über die Bühne ging – gescheitert sind aber alle, ob organisiert oder nicht.

Könntest du dich endlich verbindlich entscheiden
So steht hinter vielen Ablehnungen von Organisierung die Angst vor Festlegungen, ohne die ernsthafte Politik aber gar nicht möglich ist. Die unaufhörliche Betonung des eigenen Subjekts zur Erhaltung der eigenen »absoluten Freiheit«, ist die Flucht vor Kollektivität, vor der Verbindlichkeit einer Gruppe, die eine kontinuierliche Mitarbeit ebenso einfordert wie die Bereitschaft, eigene Positionen immer wieder der Kritik auszusetzen. Oft wird solcher Individualismus sogar als antifaschistische Gegenstrategie verkauft, als Reflex auf die antiliberale Volksgemeinschaft Ausrichtung des Faschismus. Tatsächlich geht eine solche ) Einstellung aber der Totalitarismus­Theorie auf den Leim, wonach die Extremen von links und rechts Unterordnung verlangen, die goldene Mitte hingegen Freiheit verspricht. Individualismus ist aber ein Projekt der Liberalen, basiert also auf der totalen Unterordnung unter das Kapitalverhältnis. Die vollige Gleichgü1tigkeit gegenüber sozialen Bindungen ist dann der höchstmögliche Grad an »Freiheit«. Wirksame Politik bedeutet aber gerade im Gegenteil, nicht-ignorierbare Anforderungen an andere stellen zu können, z.B. die Vermögen umzuverteilen, rassistisches Verhalten zu beenden usw. Ohne Verbindlichkeit kein Hebel für Veränderung!

Die Angst vor der Sekte
Dennoch dominiert im allgemeinen Bewußtsein die Angst vor gruppeninterner Eigendynamik und jeder Form von sozialer Kontrolle unter dem Stichwort »Politsekte«. Mit historischen Kampfbegriffen wie dem »Sektierertum« ist die Linke schnell bei der Hand. Dabei haben Sekten, also religiös eingefärbte Splittergruppen mit sehr weitreichender Einbindung ihrer Mitglieder, weltweit eine wesentlich größere gesellschaftliche Bedeutung als die radikale Linke – sowohl in Bezug auf Mitgliederzahlen als auch auf okonomische Möglichkeiten. Darin drückt sich in erster Linie das Bedürfnis nach verbindlichen sozialen Beziehungen aus. Diese Beziehungen werden durch esoterische, also geheimwissenschaftliche Einstellungen intensiviert. Tatsächlich gibt es auch politisches Sektierertum. Dies tritt dann auf, wenn eine Gruppe der Innenwirkung unverhältnismäßig größeres Gewicht gibt als der Außenwirkung. Ein solcher Zustand bedeutet nicht Selbstbeschäftigung, denn wer absolute Wahrheit besitzt, hat auch den Anspruch, zu aller Welt und über alle Welt etwas zu sagen. Entscheidendes Kriterium einer Sekte ist, daß die Verschmelzung Vorrang hat, also die inhaltliche Einigung in allen Details ohne Abweichung. Diese Einigung ist dann elementar im Hinblick auf die Gruppendynamik, für die Reinheit der eigenen Linie, ohne daß eine gesellschaftliche Notwendigkeit dafür besteht. Antifaschismus ist wie jeder andere sammelnde Ansatz für die Vertreter der »reinen Lehre« wenig attraktiv. Die meisten Polemiken gegen Sektierertum arbeiten sich allerdings ohnehin nur an Klischees ab und sind eher Ausdruck der eigenen Angste vor Festlegungen jeder Art

Wenn die Sonne’tief steht, werden die Zwerge zu Riesen
Eine Ursache dafür ist, wie sich historisch gezeigt hat, daß Organisationsstrukturen eine Eigendynamik entwickeln konnen, die bis zur reinen Selbstbeschäftigung und zur selbstschädigenden Verzerrung der Wahrnehmung führen kann. Jede Organisation entwickelt Kräfte, sich selbst zu erhalten, sich aus sich selbst heraus zu begründen, eine eigene organisationsbezogene Logik zu entwickeln. Dies kann genauso zum ziellosen Absaugen kreativer Energie in Status- und Machtkämpfen führen wie zur Hauptbeschäftigung der Organisation mit Problemen, die ohne sie gar nicht existieren würden – z. B. Grabenkämpfe in der eigenen Miniwelt unter volligem Verlust gesellschaftlicher Wirksamkeit. Nur die ständige Bereitschaft zu Selbstkritik und basisdemokratische Kontrolle hilft, Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Minderheit oder Mehrheit
Ein anderer Grund für den Widerwillen gegen jede Festlegung ist die Angst, sich selbst als isolierte Minderheit und damit als hoffnungslosen Fall wiederzufinden. Daher rührt die hohe Bereitschaft der Polit-Szene, sich Modethemen und Bewegungen zuzuordnen oder sich als Teil der »Mehrheit van unten« zu definieren. Politische Wirksamkeit besteht aber aus der Kombination der Aufgaben, Leute zu erreichen und Leute zu politisieren. Darum besteht politischer Erfolg nicht nur in der Gewinnung von Mehrheiten, sondern auch im Herausarbeiten radikaler Ansätze. Historisch wurden Revolutionen nicht mit dem Wahlzettel erreicht, sondern mit Gewehren, also vorrangig nicht durch die Masse der Menschen, sondern durch die Tiefe ihres Engagements. Es bliebe zu untersuchen, ob jemals in einer Gesellschaft eine wesentliche Veränderung von Mehrheiten ausgegangen ist. Dieser hohe Anspruch trifft auf keine der heute etablierten Einstellungen zu: weder auf die Religionen, die mit Kreuzzügen oder durch die Landesfürsten den Untertanen aufgezwungen wurden, noch für die sozialen Sicherheiten, die von der Arbeiterbewegung erkämpft wurden, und schon gar nicht für die hochgelobte Demokratie, die nach Deutschland per Armee exportiert wurde; ebenso wenig der Neo­Liberalismus, der ein zähneknirschendes Einverständnis mit den Vorgaben der Konzerne und Kapitaleigner bedeutet. Selbst die Kommunisten der Sowjetunion erreichten bei der ersten Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung nur 23,9 % der Stimmen – nach generationenlanger Agitation der russischen Revolutionäre und kultureller Hegemonie in den Bildungsstätten. Lenin ließ das Parlament nach dessen ersten Sitzung auseinanderjagen.

In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod
Trotzdem setzen gerade Kommunisten oft auf die Gewinnung von Mehrheiten. Dabei scheint logisch, dass die Forderung nach grundsätzlich Neuem zwangsweise zunächst von Minderheiten ausgeht und erst nach erfolgreicher Verwirklichung zur Mehrheitsmeinung wird. Mehrheiten sind ständigem Wechsel unterworfen und gruppieren sich um Sachfragen; in der Regel wollen sie von Politik in Ruhe gelassen werden. Ihre Bedürfnisse, den kleinsten gemeinsamen Nenner, zeigt die Marktforschung: Materielle Sicherheiten, Beziehungspartner, soziale Bestätigung und ein bißchen Abwechslung. Linke Forderungen müssen sich nicht an den bestehenden Mehrheiten orientieren, sondern an den gewünschten Veränderungen. Die Linke, die ihre Programmatik an der Allgemeinheit orientiert, erreicht damit nicht etwa diese Öffentlichkeit. Sie erreicht damit noch nicht mal möglichst viele Subkulturen in einer Gesellschaft, die nur noch aus Subkulturen besteht. Sie erreicht mit ihrer langweiligen Thematik nur noch ein Spektrum: Linke, die es richtig finden, auf die Allgemeinheit abzuzielen. Dieses Wissen entbindet aber nicht von der Pflicht, für das eigene Anliegen so viele Mitstreiter wie möglich zu finden. Es geht trotzdem um möglichst breite Wirkung, aber ohne Anbiederung an Mehrheiten. Darum kann eine linksradikale, ansprechbare Organisation auch unter den Bedingungen beschränkter Massenwirkung der richtige Schritt sein. Ziel ist dabei, radikaler Kern in einer breit wirksamen Bewegung zu werden. Als beispielsweise in den Achtziger Jahren die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf geplant war und damit die Bürger der Umgebung sich dem politischen Anliegen der Verhinderung anschlossen, suchten sie sich als Bündnispartner keinesfalls “Leute von nebenan”, sondern gerade die deutlich anderen, schwarz­gekleideten, mobilisierungsstarken autonomen Gruppen. Am meisten mit sich selbst beschäftigen sich die Sterbenden. Da offensichtlich in naher Zukunft keine großen Erfolge bei Mehrheiten zu erwarten sind, stellt sich die Frage, wozu das intensive Engagement radikaler Politik überhaupt gut sein soll. Für uns ist Politik keine zeitraubende Beschäftigung neben anderen Tätigkeiten, sondern die Basis einer Lebenshaltung, die durch Organisierung an Schlagkraft gewinnt: nämlich nicht wehrloses Opfer zu sein, sondern sich die Welt in der Auseinandersetzung anzueignen. “Nicht wehrloses Opfer zu sein” ergibt sich daraus, daß Politik bedeutet, sich mit der Welt zu beschäftigen, um einzugreifen und zu verändern. Alternative dazu ist, sich von der Politik der anderen treiben zu lassen, der man ununterbrochen ausgesetzt ist, und sei es nur in der Form von Mikropolitik in den Geschäften und Betrieben oder in den eigenen Sozialbeziehungen. Viele lehnen ja Politik ab und zerfleischen sich dann gegenseitig in ihren Ansprüchen an Beziehung und Lebensführung ohne die Fähigkeit einzugreifen. »Sich die Welt anzueignen« heißt in letzter Konsequenz die Entwicklung von Gegenmacht. Der erste Schritt dazu ist, sozialen Sinn zu entwickeln. Sinnvoll wird die soziale Umwelt nur, wenn man sie auf sich bezieht. Oder anders gesagt: Wenn zwei sich unterhalten, kann das eine äußerst langweilige und selbstzufriedene Sache sein. Interessant sind nur die politischen Aspekte, also das allgemein Interessante, das nicht nur die beiden betrifft und auf Veränderung drängt. Schöner ist es ja schon, das eigene Leben an einer »Dritten Sache« zu orientieren, und nicht an der Selbstverliebtheit der eigenen Existenz. Das einzige, was das Leben nicht-trivial macht, ist Verantwortung.

Wir könnten so heiss sein
»Auseinandersetzung« bedeutet, einzugreifen in den Prozeß des Sozialen, der gegenseitigen Bedeutungszuweisung, Kontrolle, Abgrenzung und Verfeinerung. Es wäre der Realitätsverlust schlechthin, sich einfach aus der Sprache in eine stumme Gleichgültigkeit zurückziehen zu wollen, denn der Ort, an dem dies moglich ist, nennt sich »Klinik«. Dies Eingreifen ins Soziale mit einem Ziel zu verbinden und auch gegen Widerstände durchzukämpfen, nennt sich dann wohl Politik. Linksradikale Politik heißt, Kapitalisten, Rassisten und Reaktionären aller Schattierungen das Leben so schwer wie möglich zu machen, und im Idealfall über die Konfliktverschärfung hinaus beizutragen zu den Perspektiven einer sozialistischen Gesellschaft. Um Politik wirksam werden zu lassen, muss sie – wie alles gesellschaftlich relevante Geschehen ­in Organisationen Ausdruck finden.

Worte zu Taten
Die Geschichte der Linken war nie nur eine Frage der richtigen Standpunkte, sondern auch der Bereitschaft, das, was man für richtig hält, auch tatsächlich zu tun. Dazu gehört auch die banale Notwendigkeit, sich zu organisieren. Von niemandem als notwendig bestritten, werden doch von vielen die konkreten Details der existierenden Organisationen problematisiert. Darum wird auch moglichst radikal von der potentiellen Organisation alles gefordert, um sich dann erleichtert und untätig zurücklehnen zu können. Es ist schwierig, diesen Flohzirkus geschmäcklerischer Eigenheiten in der Programmatik einer Organisation zu vereinheitlichen. Ein zeitgemäBer Ansatzpunkt ist Antifaschismus. Doch ob so oder so, eine Linke, die nicht mal sich selbst organisieren will, braucht von der Gesellschaft nicht zu reden. Tut, was getan werden muß – organisiert euch endlich!