Antifaschismus in der Provinz

Im Umland wird’s finster
In aller Regel ist im Bereich Antifaschismus die Situation in den großen Städten günstig. In der Provinz dagegen existiert kaum linksliberale Öffentlichkeit, keine offensive ImmigrantInnenszene und wenige links codierte Subkulturen. Oft weichen Nazi-Kader aus den Städten ins Umland aus und bauen dort Strukturen auf, die für ihre Gegner zur existentiellen Bedrohung werden. Sie setzen auf rechte Hegemonie in der provinziellen Enge, in der ihre nationalistische Volksgemeinschafts-Rhetorik gut ankommt. Wo die Nazis mit keinem Widerstand konfrontiert und damit nicht eingeschränkt sind, konnen sie sich in hemmungsloser Brutalität an allem austoben, was nicht in ihr Weltbild passt. Die Linke auf dem Land plagt sich dagegen oft mit den banalsten Problemen: Es fehlen Autos fur die notwendige Mobilität, Hintergrundinformationen für die sehr speziellen linken Diskussionen oder Rückhalt durch Gleichgesinnte. Linke Politik kann aber im gesellschaftlichen Maßstab nur dann glaubhaft sein, wenn sie für Menschen dort, wo sie leben, konkret erfahrbar und machbar ist. Schließlich geht es darum, dort Perspektiven aufzuzeigen, wo es notwendig ist, nicht da, wo es am bequemsten ist.

First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin, da wo die Leute aus Heimweh hinziehn
Das Hauptproblem jeder regionalen Szene ist ihre nicht vorhandene Große. Dies führt zur leichten Überschaubarkeit der Strukturen. Nicht nur politische GegnerInnen und Polizei können so leicht Druck aufbauen. Jedes Engagement bedeutet die Auslieferung der Engagierten an die ohnehin schon starke soziale Kontrolle in Form von Dorfklatsch und möglicher Diskriminierung. Gleichzeitig erhöht die Winzigkeit der Szene die Bedeutung der Einzelnen und führt zu einer immer wieder unterbrochenen Kontinuität, wenn gerade die Älteren oder die AktivstInnen irgendwann wegziehen. Dies ist zum einem dem klassischen Aspekt der Berufstätigkeit geschuldet, weil gerade die zukunftsträchtigen und die kreativen Ausbildungs- und Arbeitsplätze in den großen Städten zu finden sind. Dazu kommt im immer großeren Maßstab die gesellschaftliche Orientierung an Lebensstilen, die in den Metropolen als eigene Szenen etabliert sind. Großstadtlinke bewegen sich in Anonymität, sind Teil einer großen Szene mit entsprechender Infrastruktur, Treffpunkten und alternativen Kulturangeboten. Viele kultivieren das Nischendasein und/oder widmen sich Perspektiv­diskussionen. Sie haben die Auswahl zwischen verschiedenen Politikansätzen, viele Finanzierungsmoglichkeiten und den Luxus, sich untereinander gnadenlos zerstreiten zu konnen.

Voller Spannungen, aber keinesfalls spannend: Der Widerspruch Metropole/Provinz
Die Situation in den Dörfern und Kleinstädten ist also mit der in den Metropolen nicht zu vergleichen. Daraus resultieren die immer wieder gleichen Fragen und Schwierigkeiten, die in der Zusammenarbeit auftreten: Hierarchisches Verhalten: Die Gruppen in der Stadt arbeiten meist kontinuierlich, führen Grundsatzdiskussionen, haben die Moglichkeit personeller und finanzieller Unterstützung. Die Gruppen in der Region sind oft lose Cliquen, die über jahrelange Bekanntschaften in der Subkultur bestehen. Inhaltliche Diskussionen sind wegen der zwangsweisen Notwendigkeit der Praxis auf der Straße nachrangig. Zusätzlich wird oft versucht, inhaltliche Differenzen aus der Arbeit rauszuhalten, um den Zusammenhalt der Gruppe nicht zu gefährden, da die Leute mehr als anderswo aufeinander angewiesen sind. Daraus ergeben sich vielfach Spannungen wegen arrogantem oder gönnerhaften Verhalten der »Checker« aus der Stadt. Export der eigenen Schwäche: Oft sind regionale Zusammenhänge stark interessiert am gemeinsamen Vorgehen. In den großen Städten schwellen dagegen jahrelange, gar nicht mehr nachvollziehbare Konflikte, die oft nur politisch übermäntelt sind und auf Eifersüchteleien und Rivalität basieren. Dann wird versucht, bei neuen Leuten Bekenntnis zum eigenen Lager zu erreichen und so die lästigen Konflikte noch auf die Region ausgedehnt, in der sie keinerlei Grundlage haben. Wer bleibt und wer fährt wieder: Die Vorschläge der Großstädter werden bei Widersprüchen oft nicht ausdiskutiert, da sich die lokalen Antifas fiir alleinzuständig halten. Es bestehen Vereinnahmungsängste. Dies macht sich vor allem bei gemeinsamen Bündnissen und spontan zu treffenden Entscheidungen im Vorfeld von Aktionen bemerkbar.

Der Aufbau eigener Strukturen
Die beste Lösung solcher Probleme besteht darin, gemeinsame Strukturen aufzubauen. Regionalplena in Form von regelmäßig stattfindenden Delegiertentreffen dienen vor allem dazu, den Widerspruch zwischen Provinz und Stadt praktisch anzugehen. Eine solche Struktur kann das Gefälle zwischen Metropole und Provinz in einigen Fällen ausgleichen. Die Isolation der ländlichen Gruppen kann durch gemeinsame Diskussion und Entscheidungsfindung aufgeknackt werden. Alle Gruppen können in verschiedenen Punkten voneinander lernen. Wesentlich ist dabei die Gleichberechtigung und das längerfristige Kennenlernen anhand gemeinsamer Praxis. So können durch ein Regionalplenum Veranstaltungen, Demonstrationen und andere Aktionen zusammen geplant, vorbereitet und durchgeführt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass überhaupt kontinuierlich arbeitende Antifazusammenhänge in der Region existieren, die Interesse an einer engeren Zusammenarbeit haben. Wenn das nicht der Fall ist, bietet sich ein kontinuierlicher Austausch mit einzelnen Gruppen oder projekt-bezogene Zusammenarbeit bei bestimmten Aktionen an. Regionalarbeit bedeutet fiir Antifagruppen aus der Großstadt selbstverständlich auch materielle, technische und personelle Unterstützung zu stellen: beispielsweise durch Informations- und Schulungsmaterial, Hilfe bei Layout und Druck von Veröffentlichungen, Organisieren von finanziellen Mitteln und Schutz auf Veranstaltungen.

Möglichkeiten in der Provinz
Wo nichts ist, fällt es bedeutend leichter, etwas aufzubauen. Schon das Engagement einiger Weniger, die Mitarbeit im ortlichen Jugendzentrum oder die Durchführung von Konzerten kann eine enorme Ausstrahlungskraft entwickeln und zu einer eigenen Szene führen. Mit relativ kleinem Einsatz läßt sich auf lokaler Ebene kulturelle Hegemonie und damit politische Relevanz erreichen. Aus der Notlage ergeben sich auch Einsichten in Notwendigkeiten, die von Antifas ohnehin meist propagiert werden:
Die Überschaubarkeit führt zur Offenheit gegenüber Neuen, die leicht einzuschätzen sind. Die Gemeinsamkeit anhand sammelnder Punkte wird ohnehin angestrebt. Persönliche Pressekontakte sind leicht zu haben, die Dankbarkeit für jedes berichtenswerte Happening ist groß. Durch die eigene Situation besteht der Sachzwang, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken und Bündnisse mit anderen Spektren zu suchen. Allerdings sind solche Vorteile auch von der Nazi-Szene nutzbar, der Erfolg ist nicht garantiert. Schließlich besteht neben dem eigenen Beschluß noch die objektive Gesellschaftslage, so daß erfolgreiche Antifaarbeit in der Region oft nur in Kleinstädten mit alternativer Kulturzene oder Hochschulumfeld moglich ist.