Antifaschismus und Deutschland

Hoch die internationale Solidarität
Die Linke positioniert sich gegen Unterdüickung in jeder Form. Darum kann sie im Kampf um grundlegende Veränderung nicht an nationalen Grenzen haltmachen. Gleichheit vertreten heißt, die gleichen Rechte für alle anzustreben, und dies Vorgehen duldet keine Ausnahmen. Denn wenn es uns trotz all der Niederlagen noch immer um einen weltweiten emanzipatorischen Prozeß geht, dann ist gemeinsamer Kampf und internationale Solidarität eine Bedingung. So banal die weltweite Orientierung unter den Bedingungen von Satelliten­fernsehen und Globalisierung auch sein mag: Geschichtlich war die Perspektive der weltweiten, grenz­sprengenden Zusammenarbeit statt Eroberung eher ein Thema der Sozialistinnen als des Kapitals.

Die Internationale erkämpft das Menschenrecht
Seit 1864 organisierte sich die Linke in den verschiedenen Formen der »Internationalen«, weltweiten Zusammenschlüssen, um die Grenzen zwischen oben und unten zum Thema zu machen, statt der Grenzen zwischen “Völkern”. Dahinter stand die Überzeugung, dass die sozialistische Revolution auf nationalem Boden beginnt, sich international entwickelt und vollendet wird in der Weltarena. Denn während sich die Rechte am »Besonderen« der Völker orientiert, aus dem sie die eigene Vorherrschaft, Rassismus und Kolonialismus ableitet, betont die Linke die Gemeinsamkeiten in der Situation der Unterdrückten.

lnternationalismus und Solidarität
Spätestens seit den 70er Jahren fand die weltweite Orientierung der west­deutschen Linken ihren Ausdruck in Kampagnen gegen Militärdiktaturen und Folterregimes in Afrika, Asien oder Lateinamerika; organisiert wurde Unterstützung für Befreiungsbewegungen in ihrem Kampf gegen alte und neue Kolonialherren und Diktatoren. Diese Solidaritätsarbeit als konkrete Unterstützung ist aber nur ein Ausdruck internationalistischer Orientierung, nicht ihre Substanz. Aus der Gleichsetzung von Internationalismus und Solidaritätsarbeit ergaben sich viele Probleme. Internationalismus bedeutet, im eigenen Kampf um Veränderung die weltweite Perspektive mit einzubeziehen, eine Grundhaltung der revolutionären Linken, die unbedingt verteidigt werden muß. Solidaritätsarbeit bedeutet, für bestimmte Projekte materielle und politische Unterstiitzung zu organisieren.

Solidarität ist Ergänzung, nicht Ersatz
Solidaritätsarbeit hat zwangsläufig mehrere Komponenten: zum einen die moralische Empörung über Hunger, Elend und Ausbeutung, der Wunsch nach zwischenmenschlicher Solidarität. Zum anderen der Wunsch, revolutionäre Veränderung im Weltmaßstab und darum woanders in der Welt zu fordern. Beides bedeutet eine Flucht vor der politischen Realität im eigenen Land. Aus den Erfahrungen zeigt sich, dass Solidaritätsarbeit nur möglich ist als Ergänzung, nicht als Ersatz eigenständiger Politik in der BRD. Wir können unsere Kämpfe nicht in anderen Ländern austragen lassen. Dementsprechend ernüchternd ist das Resumee der Solidaritätsbewegung.

Hilfe im Konkreten
Die einen kamen als individuelle Helfer und transportierten damit in erster Linie die Botschaft der BRD, dass man sich dort leisten kann, zwischendurch als Hobby ein paar Monate die Lebensrealität der Armen zu teilen. Der Wunsch, konkrete Unterstützung liefern zu wollen, führte oft zur Abwendung von revolutionärer Programmatik. Dies geschah spätestens dann, wenn sich zeigte, daß »Sozialismus« in den armen Ländern in der Peripherie nie mehr bedeuten konnte als »nachholende Entwicklung« und die Befriedigung der Grundbedürfnisse für alle. Dann wurde »konkrete Unterstützung« als Hauptparole propagiert, die eigene Rolle dabei aber tunlichst ausgeklammert: Schließlich ist die internationale Hilfe verbunden mit Kontakten zu fremden Ländern mit exotischen Landschaften und Lebensformen, mit dem Erlernen fremder Sprachen, einschneidenden Erfahrungen mit dem »Ernst des Lebens«, eigener Horizonterweiterung usw. Diese Aufzählung ist nicht als »Entlarvung« zu verstehen, da wir auch in diesem Fall jeden Aspekt verteidigen, der linksradikales Engagement lohnend macht. Wer es jedoch ernst meint mit dem Vorrang der konkreten Hilfe, sollte sich überlegen, sein Geld für den Flug direkt zu spenden – konkretere Hilfe gibt es nicht.

Hilfe imTotalen
Der zweite Bestandteil der Unterstützungsarbeit war der politische. Die revolutionäre Linke sah und sieht sich als Teil einer weltweiten Front gegen den Imperialismus. Diese Herangehensweise scheitert notwendig dann, wenn andere als Stellvertreter der eigenen Kämpfe, als Projektionsbühne ihren Platz finden. Die »Reinheit der Lehre« läßt sich eben eher in der Ferne erhalten als im eigenen Land. Da die radikalste Lösung der Imperialismusfrage dort erwartet wurde, wo geschossen wird, kam es zur Überbetonung militärischer Auseinandersetzungen. Teilweise kam es zum Denken in militärischen statt gesellschaftlichen Zusammenhängen. Gleichzeitig wurden auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, unter ungleich schwierigeren Bedingungen, Dinge erwartet, die die deutsche Linke selbst nicht umsetzen konnte: kollektives Handeln, den »neuen Menschen« mit sozialistischem Wertesystem usw. Statt dessen setzte sich in den kämpfenden Organisationen selbstverständlich meist die militärische Logik durch, die bis zur Liquidierung abweichender Fraktionen führte.

Antiimperialismus heißt, der Hauptfeind steht im eigenen Land
Die einzig mögliche Auflösung dieser Widersprüche besteht darin, den eigenen Kampf in den Metropolen zum Ausgangspunkt und Maßstab internationalistischer Politik zu machen. Jedenfalls besteht in der antiimperialistischen Szene weitgehende Einigkeit über die schon in den Sechziger Jahren vorgeschlagene Strategie, die den wirksamsten Beitrag der internationalen Solidarität in der »Schwächung der Zentren des Imperialismus« sah und eine »Anti­Nato-Kampagne« gefordert hatte. Zentraler Wesenszug des Internationalismus ist der Antiimperialismus. Der Imperialismus hat durch seinen weltweiten Siegeszug den weltweiten Kampf gegen das imperialistische System mit sich gebracht. Daran muß sich unsere Solidarität messen – im eigenen Land und in der Verteidigung des Internationalismus. Was weit weg ist, ist zwar schon unverbindlich und läßt sich als Ideal gegen die deutschen Verhältnisse wenden, gerade auch gegen die Verhältnisse in der Linken. Eine Perspektive ist es nicht.

Politische Solidarität ist nicht gönnerhaft
Politische Solidarität basiert darauf, daß alle Beteiligten davon profitieren. Doch die BRD-Linke profitiert vom internationalen Widerstand als Linke, weil der eigene Kampf nur eine Perspektive hat, wenn er eine weltweite Entsprechung findet. Antiimperialistische Befreiungsbewegungen profitieren dahingegen vom Kampf der deutschen Linken wegen deren Position als BRD­BewohnerInnen. Denn fiir die politische Linie hat die deutsche Linke nichts, aber auch gar nichts anzubieten, was sich anderen zur Nachahmung empfehlen ließe. Ihre Aufgabe ist vielmehr, materielle Solidarität in einem Wohlstandsland zu organisieren und hier politischen Druck aufzubauen, durch Demos vor Botschaften usw. Doch auch hier liegt die Bedeutung in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung in einem Wohlstandsland.

Nirgendwo zuhause als in unserer Parteilichkeit
Daran hat sich auch die oft diskutierte linke Lieblingsfrage zu orientieren, wie weit die eigene Solidarität »kritisch« sein muß. Dies ist selbstverständlich eine Frage des Maßstabs. Wer glaubt, er könnte in einer anderen, exotischen Linken eine Ersatzheimat finden, hat für interne Diskussionen viel Stoff. Wer sich aber keine Vorgaben und Ziele aus fremden Ländern erhofft, sondern aus der Linie des eigenen Politik heraus Bündnispartner sucht, hat den Hauptaugenmerk auf die Verteidigung der Kämpfe in seinem Aufgabenbereich zu legen. Selbstverständlich verfolgen andere Organisationen ihre eigenen Interessen und haben zur BRD-Linken ein ausgesprochen taktisches Verhältnis. Solidarität ist Unterstützung im Wissen um die Unterschiede.

Der Kampf im Herzen der Bestie ist kein Spiel mit der Hauskatze
Wir reden über uns, nicht über die Welt. Internationalismus als politische Grundhaltung führt zur Radikalisierung der eigenen Kämpfe, sobald diese im Weltmaßstab eingeordnet werden. Beispielsweise importierte die Rote Armee Fraktion das Konzept der Stadtguerilla aus Lateinamerika. Der Import revolutionärer Hoffnungen aus der Dritten Welt in der Solidaritätsbewegung war auch ansonsten weit verbreitet, wenn er auch nicht so spektakuläre und schwerwiegende Auswirkungen hatte. Daraus ergab sich ein nicht unerheblicher Teil der eigenen Motivation. Die heutigen Befreiungsbewegungen erfahren ihre Wirksamkeit auch darin, weltweite Hoffnungsträger zu sein und arbeiten damit durch Orientierung an den internationalen Massenmedien, stilgerechten Presseerklärungen usw. Eine ähnliche Abgeklärtheit täte auch der deutschen Linken gut.

Das Recht auf »Selbstbestimmung«
Da sich weltweit zwar der Imperialismus behauptet hat, die Linke hingegen zusammengebrochen ist, definieren sich inzwischen viele Befreiungsbewegungen über Besonderheit statt über internationalistische Forderungen. Traditionell fand keine Befreiungsbewegung die Unterstützung der Linken, die nicht mindestens marxistische Fraktionen besaß: Von den »Black Panthers« in den USA bis zur ETA im Baskenland, von den Zapatisten in Mexiko bis zur PKK in Kurdistan. Bis in die Achtziger Jahre definierten sich die meisten Befreiungsbewegungen als marxistisch, allein schon, um so die Moglichkeiten im weltweiten Interessensgegensatz USA-UdSSR zu nutzen. In der jetzigen Situation verschwindet diese Bezugnahme zusehends: Afro-Amerikaner propagieren beispielsweise ihren Zusammenhalt ausschließlich durch ihre Hautfarbe, nationale Befreiungsbewegungen definieren sich religios über den Islam, der Kampf gegen Globalisierung wird antisemitisch begründet usw. Dementsprechend ist in der Linken “Eurozentrismus” zum Thema geworden. Befreiung wird als das gesehen, was die nationalen Gruppen als ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen und Verständnis für die Besonderheiten eingefordert. Kritik daran wird als »Metropolenchauvinismus« oder »Kulturimperialismus« abgetan und damit an das eigene schlechte Gewissen apelliert. Internationalismus als politische Haltung kann das »Recht auf Selbstbestimmung« gar nicht ernst nehmen, da die Frage nicht ist, welche Wünsche der Einzelne oder regionale Mehrheiten haben, sondern welche Maßstäbe der eigene Kampf hat. Nur in Verbindung mit dem Kampf um bessere Lebensverhältnisse ist das Recht auf Selbstbestimmung von Bedeutung. Genau sowenig hat der »objektive Antiimperialismus« islamischer Gruppen Orientierungswert, da dies ja auch die Ablehnung westIicher Werte bedeuten kann, denen wir uns bedingungslos verpflichtet fühlen. Wir sind für allgemeine Bildung, gegen Versklavung der Frauen, für die Überwindung jeder Religion. Verbindliche Werte haben weltweit zu gelten, soweit sie Orientierung unserer Kämpfe sind. Orientierung an sozialistischen Idealen ist für uns Minimalkonsens.

Unsere Wut kennt keine Grenzen
Die eigenen Kämpfe müssen in einen internationalen Zusammenhang eingeordnet werden. Wenn der Kampf um Befreiung ums Ganze geht, hat er auch die ganze Welt mit einzubeziehen. Ziel ist aber nicht, woanders Häuser zu bauen, sondern hier dafur zu sorgen, dass keine Ruhe herrscht im Land. Die konkreten Möglichkeiten der internationalen Solidarität mögen gering sein, ihre Bedeutung für die Einzelnen ist aber nicht zu unterschätzen. Dies zeigt sich an den Linken, die sich dem Zugriff des deutschen Staats entzogen haben und die in den Lagern der PKK Zuflucht gefunden haben. Entsprechend geht es in der deutschen Linken um internationale Kontakte zu linken und linksradikalen Gruppen und die praktische Zusammenarbeit und Unterstützung. Wichtig ist, zu erkennen, wie eng der Kampf in anderen Ländern mit unserer politischen Realität verflochten ist und daraus Konsequenzen zu ziehen. Hasta la victoria siempre!