Antifaschismus und Geschichte

Geschichte dient aIs roter Faden (der dem König um den Hals gelegt wird)
Um das bestehende Soziale nicht als »natürlich« zu akzeptieren, ist Wissen nötig. Nur was als historisch geschaffen erkannt wird, ist au ch historisch veränderbar. Ohne geschichtliche Bezüge ist keine sinnvolle politische Orientierung möglich. Kennzeichen der jetzigen Situation ist der Versuch aller Seiten und insbesondere der »Neuen Rechten«, einzelne Begriffe aus ihrem Zusammenhang zu reißen und im eigenen Sinn neu zu definieren. UnternehmerInnen richten sich gegen den westlichen »Kulturimperialismus«, wegen dem sie in einigen Ländern mit Menschenrechtsverletzungen nur unter Protest investieren können. Die Neue Rechte fordert »Solidarität« und »Selbstbestimmung« – gemeint ist »Ausländer raus«. Den Überblick behalt nur, wer politische Standpunkte aus dem roten Faden der Geschichte historisch ableitet.

What’s Ieft?
Um den Kern der Auseinandersetzungen richtig einzuordnen, ist Geschichtsbewußtsein nötig. Wirkliche Kampfe, egal wie sie sich äußern, sind »alt«, weil alle wesentlichen Fragen schon vor Einführung der »Coca Cola light« existierten. Politische Bewegung stellt sich grundsätzlich in den historischen Prozeß, denn sie braucht nicht nur Gegenwart, sondern au ch Punkte der Vergangenheit, um eine Richtung definieren zu können. Besonders offensichtlich ist dies bei der Selbstdefinition als »links«, die nur geschichtlich möglich ist. Übliche Erklärungsmuster wie »der Kampf arm gegen reich«, »unten gegen oben« , »fortschrittlich gegen rückständig« oder »idealistisch gegen realistisch« treffen heute offensichtlich nicht mehr den Punkt. Links ist, wer sich an der Geschichte der SozialistInnen orientiert – sich entweder bestimmten Strömungen zuordnet oder eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Kampfe als Ziel formuliert: SozialdemokratInnen, Grüne, AnarchistInnen und KommunistInnen. Sich selbst über­haupt in eine Linie mit anderen zu stellen, bleibt notwendig, denn nur die Verinnerlichung und Verschmelzung von Vorhandenem bedeutet sa etwas wie Fortschritt. Wer mit der Vergangenheit radikal bricht, hat keine Chance zu lernen. Er fordert hilflos das »Neue« und beweist damit nur, dass er nichts zu bieten hat.

Es gibt kein Ende der Geschichte
Antifaschistischer Geschichtsbezug ist für den aufgeklärten Bürger von heute ein Ärgernis. Denn wo keine fundamentaLen Verbesserungen mehr möglich sein sollen, hat das Ende der Geschichte zu stehen. Jeder Bezug auf revolutionäre Traditionslinien wird als Selbstüberhöhung abgelehnt, da Geschichte in der Welt des Selbstverständlichen nichts mehr zu suchen hat. Dieses unhistorische Denken kann sich Nazis nur als das unvorstellbar Böse denken, in der Dimension, die der Vergangenheit würdig ist; das Gleiche gilt für den heroischen Widerstand dagegen. Geschichte hat seinen Platz in den Museen und Medien, und selbst da in der kapitalistischen Logik der »Neuheit«: Was interessiert, ist das überraschende: Tyrannen mit menschlichen Aspekten, Weltverbesserer mit knallhartem Egoismus usw.,Hauptsache »Aha«-Effekt und Selbstbestätigung.

Die goldene Mitte macht sich zur Lehre aus der Vergangenheit
Nicht nur im AlltagsbewuBtsein finden sich ideologische Begründungen. Selbst der Historiker kann an die Vergangenheit nicht herantreten, ohne ihr einen Sinn zu verleihen, ohne Wichtiges und Nebensächliches her­auszustellen, ohne die entscheidenden Ereignisse auszuwählen. Bereits diese Herangehensweise verunstaltet eine Wirklichkeit, in der alles mit gleichem Recht wirklich ist. Geschichte lässt sich nicht einfach registrieren und unter­suchen, Geschichte wird konstruiert. Darum geht es auch weniger um die Entlarvung erfundener Tatsachen, sondern um die Hinterfragung der Konstruktionen. Die Moral der heutigen Schulbuch­geschichte laBt sich in einem Satz zusammenfassen: »Der Mensch ist weder Engel no ch Tier, und das Unglück). will, dass, wer ihn zum Engel machen will, ihn zum Tier macht.« Die Botschaft lautet: Was von den radikalen Forderungen aIs Kompromiß historisch überlebt hat, ist Bestandteil des bestehenden Systems. Was nicht überlebt hat, würde ohnehin nur zu grenzenlosem Schrecken fuhren. Darum werden aus den revolutionären Bewegungen die menschlich abstoßenden Tatsachen herausgestellt und zu ihrem Hauptaspekt gemacht. Wie fadenscheinig dieser Umgang mit der Vergangenheit ist, laBt sich leicht überprüfen am Beispiel der USA, dem Musterland des Neo­Liberalismus. Die »Vereinigten Staaten« begannen mit der millionenfachen Massenausrottung der Ureinwohner durch die Weißen und erlangten ihren Aufschwung auf dem Rücken der versklavten AfrikanerInnen. Wegen der heutigen Erfolge wird die se Vergangenheit mit Schulterzucken aIs zwar bedauerlich, aber nebensächlich abgehakt. Für die Sowjetunion dagegen ist jede Untat charakteristisch. Bezogen auf Antifa ist hier die »Totalitarismustheorie« zu nennen, die Faschismus und SoziaLismus gleichsetzt. Diese werden ungeachtet aller Unterschiede aIs gleichartige »totalitäre Systeme« gebrandmarkt, denen ein idealisiertes Bild von Pluralismus und bürgerlicher Demokratie gegenübergestellt wird. Nach politischen und sozialen Inhalten, nach den Zielen der handelnden gesellschaftlichen Kräfte wird nicht gefragt.

Für alle Bedürfnisse gibt es einen Markt: Der spanische Bürgerkrieg
Für die Linke gilt: Gescheitert sind wir alle – keine einzige Strömung ist für dies es Jahrhundert siegreich geblieben. Darum ist linke Geschichte zwangsläufig die Geschichte einer Niederlage. Diese bedauerliche Tatsache wird nicht nur aIs Kronzeuge gegen die Linke eingesetzt, sondern im innerlinken Streit reichlich genutzt: Bezeichnend dafür ist der Umgang mit dem Spanischen Bürgerkrieg ,in dem alle Strömungen der Linken gemeinsam gegen die Franko-FaschistInnen, aber auch untereinander kämpften. Hier zeigt sich deutlich, daS nicht nur die historischen Fakten bedeutsam sind, sondern vor allem, welche gesellschaftliche Wirkung heute damit erzielt wird. Faktenmaterial schützt hier nicht vor notwendigen Entscheidungen: Aus dem Spanischer Bürgerkrieg existieren unzähligen Verschwörungstheorie und machen die eigene Parteinahme zur Glaubenssache: Wer heute gegen zentrale Leitungen und geschlossene Konzepte ist, sieht die AnarchistInnen im Recht, deren Volksbewegung durch Autoritäre zerstört wurde. Wer Sozialismus will ohne die Verbrechen der Vergangenheit,sieht die TrotzkistInnen im Recht, die nur durch den Verrat Stalins untergingen. Wer heute den Sieg des Bolschewismus will, sieht die StalinistInnen im Recht, die durch Radikalität und Unberechenbarkeit der Verbündeten in die Niederlage getrieben wurden. Dieser Streit ist nicht durch Datenmaterial geschichtlich entscheidbar. Er klärt sich in der heutigen SeIbstzuordnung. Deshalb können wir unsere Kämpfe nicht in einer anderen Epoche oder in einem anderen Land austragen lassen. Alle Gedanken, die sich negativ an linke Geschichte knüpfen, lassen sich auch völlig ohne Erwähnung der Geschichte diskutieren, da sie längst ins AlItagsbewusstsein gedrungen sind – Fragen nach innerer Demokratie, Erziehungsdiktatur, Wahl der eigenen Mittel usw.

Geschichte ist eine rückwärts gewandte Prophetin
Viele Linke greifen aber lieber auf Geschichte zurück unter dem Gesichtspunkt, daß die eigene Strömung korrekt war, orientieren sich an einzelnen Persönlichkeiten wie Bakunin, Lenin, Stalin, Trotzki usw. Tatsächlich haben sich viele Strömungen gegeneinander gewandt oder sind auseinander hervorgegangen – vorläufig gescheitert sind aber alle. Heute zu vertreten, daß eine offensichtlich nicht siegreiche Strömung die Richtige war, legt als Erklärung für den Mißerfolg Verrat und Abweichung nahe. Dementsprechend dreht sich Politik dieser Gruppen regelmäßig um Verrat und Abweichung in den eigenen Reihen. Dieser falsche Bezug auf Geschichte – »Heute muss man es genauso wieder machen« – führt in die Sackgasse. Linke Geschichte lässt sich nur in ihrer Gesamtheit verteidigen, mit all ihren Exzessen und Selbstzerfleischungen. Der Ablauf der Ereignisse ist kein Schuldiktat, in dem man nur die Fehler ankreuzt.

Nur was niemals nie sich zugetragen, das allein veraltet nie
Unsere eigentliche Aufgabe ist die grundsätzliche Bejahung, nämlich erst maI zu sagen, natürlich waren das unsere Kampfe, und viele Fehler
sind passiert. Aber diese Fehler zu kritisieren, was natürlich auch passieren muss, um aus den Fehlern zu lernen, darf erst der zweite Schritt sein. Doch um aus der Geschichte lernen zu können, brauchen wir über­haupt erst mal eine eigene Geschichte. Die Linken in der Vergangenheit haben unter ihren Bedingungen zu ihrer Zeit gehandelt, darum kann man ihnen heute auch so schön einfach die Bedingungen ihrer Zeit vorwerfen, dass z. B. viele AnarchistInnen rassistisch waren, dass KommunistInnen nationalistisch argumentiert haben usw. Endgültig Türen eingerannt werden aber mit der üblichen Kritik an der Vergangenheit aufgrund ihrer Verkehrsformen: da wird die Plattheit der Propaganda kritisiert, die Einseitigkeit der Parteinahme, der Heldenkult. Dabei ist Verherrlichung als wirksamstes Propagandamittel langst abgelöst worden von der angeblichen Ausgewogenheit.

Hauptsache kritisch
Aus diesem Zeitgeist ergibt sich, den »kritischen Bezug« auf Geschichte zu propagieren. Doch wer denkt, ist immer kritisch. Denken ist prinzipiell antiautoritär und sperrt sich gegen vorgefaßte Denkmuster. Das Denken duldet kein unmittelbares Fürwahr­halten. »Kritisch sein« aIs Haltung und Selbstbezeichnung zu verwenden, deutet bereits auf eingeschränkte Denkanstrengungen hin. Der umgekehrte Weg ist eine taktische Möglichkeit. Genauso wie eine richtig schöne Anti-Haltung die heftigsten Reaktionen erzeugt, kann au ch die eindeutige geschichtliche Positionsnahme Diskussionen auslösen, die im vorherrschenden Toleranz-und-Differenzierungs-Stuss untergehen würden. In unserer politischen Arbeit suchen wir uns bewusst Bezugspunkte. Wer wirkliche Kritik will, wendet seine Ablehnung in erster Linie gegen den bestehenden Zustand. Entscheidend ist, welche Botschaft heute hängen bleibt. In diesem Sinn müssen wir natürlich unbedingt selbstkritische Fragen zur Geschichte stellen, aber wirkliche Selbstkritik und nicht nur Kritik an historischen Linken, die sowieso keiner mehr sa richtig toll findet: Wieso ist unsere Sichtweise oft sa unhistorisch? Wieso wird alles aus der Vergangenheit in der Luft zerrissen? Wieso wollen alle irgendwelche Mythen aufklären, die in ihrer Anwendung sowieso schon längst aufgeklärt sind? Wieso kann man in der Linken nur sa schwer alt werden? In 50 Jahren werden schließlich auch Punkte in unserer Politik in Frage gestellt werden, an die wir heute überhaupt noch nicht denken.

Für die Zukunft, also auch für die Zukunft in der Vergangenheit
Alle bisherige menschliche Geschichte ist eine Geschichte der sozialen Kampfe, in der sich aus Widerstand Fortschritt entwickelte. Geschichte heißt, es gab immer Widerstand, und es gab immer wieder nicht für möglich gehaltene Erfolge. Selbstbestimmung, die grundsätzliche Gleichheit der Menschen, die Unzulässigkeit jeder Form von Ausbeutung – offensichtlich haben diese Ziele no ch immer Gültigkeit und Orientierungswert. Es war richtig, dass die historische Linke für diese Ziele gekämpft hat, auch wenn viele Fehler gemacht wurden, sa wie es richtig ist, daß wir die heutigen Verhältnisse verändern wollen – mindestens diese Botschaft muss als geschichtlicher Anknüpfungspunkt erhalten bleiben und im Vordergrund stehen.