Antifaschismus und Jugendarbeit

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
Die Jugend ist eine der wenigen Chancen, die jeder hat, um sein Leben zu verändern. Jugendliche Rebellion ist eine historische Konstante. Politisch entscheidend ist, ob sie den Rahmen der Privatheit, der individuellen Kleinkriminalitat verlässt. Der zugrundeliegende Konflikt jedenfalls hat sich historisch aus gutem Grund gehalten: Nämlich dass die zwangsweise Anpassung der Einzelnen an ökonomische Realitäten begleitet wird von ideologischen Rechtfertigungen der eigenen verpassten Chancen. Jugendliche, Leute also mit einer frischen Erinnerung an komplette Rechtlosigkeit und ohne das Eingebundensein in die Logik der Notwendigkeit, spucken auf die Ideologien, ob diese nun als Recht, Moral oder Vernunft auftreten und suchen Alternativen zu der offensichtlich erbärmlichen Existenz der Altgewordenen. Wo dies zur gemeinsamen Erfahrung wird, entsteht gesellschaftliche Wirksamkeit. Jugendbewegung lebt von der Gemeinsamkeit und der Abgrenzung gegen den ekelhaften Normalzustand. Da auf diesen Gebieten keine Eindeutigkeit mehr besteht, ist die Jugendszene inzwischen notwendigerweise zersplittert und die eigene Position zufällig. Darum kann heute in einer atomisierten gesellschaftlichen Realiät der sammelnde, kollektivierende Charakter einer linken Strömung einen ganz anderen Stellenwert haben als in den frühen 70ern, als die Gemeinschaftlichkeit in der Jugendbewegung als eine Grundstimmung bereits vorhanden war. Die radikale Linke muß ihre Jugendarbeit erheblich ausweiten, statt über ihre eigene vermeintliche Beschranktheit als »Jugendkultur« zu jammern.

Ich glaub, es ist nur eine Phase
Der übliche bequeme Umgang mit Jugendprotest ist dessen Entschärfung durch die Reduzierung auf biologische und psychologische Aspekte. Wo die Gründe als nachrangig erklärt werden gegenüber dem bloßen Willen zum Widerspruch, können Inhalte vernachlässigt werden. Wo die Konflikte biologisch entstehen, werden sie sich auch wieder biologisch erledigen – »ist nur eine Phase«. Dabei wird auf Pseudoerklärungen wie den »Generationenkonflikt« zurückgegriffen, obwohl sich längst dessen Abhängigkeit von gesellschaftlichen Bedingungen gezeigt hat. So fehlt dieser angeblich biologische Konflikt oft in Gemeinschaften, die im Kampf gegen politische Feinde zusammenstehen wie z.B. in Palästina. Selbst als der Gründer der kommunistischen Partei Karl Liebknecht gegen die Kriegsbefürwortung der SPD agitierte, wurden die späteren Kommunisten gönnerhaft als »die Jungen« bevormundet – und nutzten diese Zuschreibung auch selber. Bis heute wird oft aus einer Position der Überheblichkeit die Überlegenheit der eigenen Standpunkte suggeriert durch Satze wie »Früher war ich genauso«. als ob die spatere Einsicht die bessere wäre, nur weil sie auf alle früheren zurückschauen kann, obwohl sie meistens nur Resultat erzwungener Anpassungen und fortschreitender Denkfaulheit ist. Viele Ältere neigen zu Zynismus und Überheblichkeit, um offensiv zu begründen, warum sie angepasste alte Langeweiler geworden sind.


Wer mit 20 kein Auarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat
So wendet sich der franziisische Soziologe Pierre Bourdieu gegen die These, die den Zusammenhang von zunehmendem Alter und wachsendem Konservativismus für ein Menschheitsgesetz hält. Dieser Glaube, der in besagtem Zusammenhang die besten Gründe für eine pessimistische und angewiderte Einstellung gegenüber revolutionären Ideologien findet, hat den Augenschein für sich. Tatsachlich lassen sich zahlose Formen sozialen Alterns, also verpasster Lebenschancen, die bürgerlichen Jugendlichen bevorstehen, in vereinfachender Weise in zwei große Klassen einteilen. Diese Gruppen entsprechen im Großen und Ganzen den Lebenswegen »Sozialer Erfolg« bzw. »Scheitern«. Beide führen auf unterschiedlichen Wegen zu konservativen Einstellungen: Die einen werden integriert, die anderen zermürbt. Allerdings weist Bourdieu für das Frankreich der siebziger Jahre darauf hin, dass sich mit steigendem Alter die Angehörigen der privilegierten Klassen politisch nach rechts entwickeln, die Arbeiter dagegen nach links. Offensichtlich bestehen also Abhangigkeiten von der gesellschaftlichen Situation.

Jungsein allein ist kein Programm (außer im Neo-Liberalismus)
Im momentan vorherrschenden Neo-Liberalismus hingegen wird Jugend zum Kult gemacht. Alle Eigenschaften erfolgreicher Führungskrafte sind mit Haltung der Jugendlichkeit verknüpft, so wie Flexibilitat und Innovationsfreudigkeit. Zur Durchsetzung der Kapitallogik und in der Werbeästhetik wird an den selben Punkten angesetzt, die jede Jugendszene ausmachen: Spontanität, Attraktivität und Unverbrauchtheit der Teilnehmer, Sorglosigkeit im Umgang miteinander, konsumierende Unverbindlichkeit, Beziehungskult, Freizeitorientierung usw. Allerdings ist Jugendlichkeit allein noch nie ein Garant fur die richtige Bewegung gewesen, da alle radikalen Gruppierungen Jugendliche ansprechen. So waren selbst in der NSDAP, die teilweise aus der bündischen Jugend hervorgegangen war, 1923 über 50% ihrer Mitglieder jünger als 23 Jahre alt. Darum ist gerade in der Jugendbewegung wichtig, eigene Möglichkeiten zu bieten und die Rebellion nicht rechten oder unpolitischen Subkulturen zu überlassen.

Aufbau van Jugendgruppen
Mit dem Konzept der »Antifa Jugendfront« hat sich in den Achtziger Jahren in der Autonomen Szene die Erkenntnis durchgesetzt, dass auf Jugendliche aktiv zugegangen werden muß, um allen Interessierten die Möglichkeit zur Beteiligung zu bieten. Vorher war üblich gewesen, daß Neue sich über soziale Kontakte in den Eingeweihtenkreisen zu »bewähren« hatten. Das AJF-Konzept ist von vielen Antifas aufgegriffen worden. In der AAB gibt es eine eigene Jugend-AG. Deren Mitglieder bauen in möglichst vielen Stadtteilen Jugendantifagruppen auf. Sie initiieren die ersten Treffen, verteilen dafür Flugblätter vor Schulen, fühlen sich danach zuständig fur die Stabilisierung der Gruppen und die Vermittlung von Erfahrungen. Wenn die Gruppen auf eigenen Beinen stehen, ziehen sich die Älteren heraus. Im Idealfall wird dann der Aufbau weiterer Jugendantifas von Neuen übernommen. Dies Konzept erwies sich als enorm erfolgreich. Abhängig von der zwangsläufig hohen Fluktuation, sind bis zu 100 Interessierte in Jugend-Antifa-Gruppen organisiert.

Probleme der Jugendarbeit
Dennoch treten in jeder Gruppe aufs Neue Probleme auf, mit denen ein Umgang gefunden werden muß. Ein Dauerthema sind zum Beispiel die Hierarchien zwischen Älteren und den Neuinteressierten. Dies ist ein Grund, warum manche Linksradikale Jugendarbeit grundsätzlich in Frage stellen. Wir halten dies fur eine Unterschätzung und Bevormundung – als ob Jugendliche willenlose Blätter im Wind wären. Erfahrungs- und Altersunterschiede gibt es schließlich in jeder politischen Gruppe. Wichtig ist, diese Stellungen zum Thema zu machen und sie schrittweise abzubauen: durch die Vermittlung von Erfahrungen und die Kollektivierung des gemeinsamen Wissens. Schließlich wird in einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung immer auch die Meinung der Anleiter in Frage gestellt. Bedingung einer gleichberechtigten Diskussion ist der Verzicht auf arrogantes und einschüchterndes Auftreten. Völlig lassen sich Unterschiede aber im Rahmen einer Jugendgruppe nicht abbauen. Darum gilt fur die inhaltliche Vermittlung, daß hierbei ein möglichst umfassendes Problembewußtsein vermittelt werden muß. Wer bis ins Detail auf die eigene Linie einschwören will, wird später um so größere Enttäuschungen erleben, wenn sich die Linie in der Auseinandersetzung mit neuen Ideen nicht behaupten kann. Verbindliche Grundlage sind nur die allernotwendigsten Punkte. Wichtiger als die detaillierten Meinungen ist die Vermittlung der Grundhaltung, daß Engagement in der radikalen Linken sich lohnt und fortgefuhrt werden muß. An diese Fortführung knüpft sich die Frage, mit welchem Ziel Jugendantifas gegründet werde. Eine Jugendgruppe ist notwendigerweise zeitlich begrenzt. Hier herrschen oft Vereinnahmungsängste und die Befürchtung, Anhängsel oder reine Mobilisierungsmasse von »irgend­jemandem« zu sein. Dagegen treten die Mitglieder der AAB sofort als solche auf, machen ihre Rolle transparent, ohne dies Thema im weiteren in den Vordergrund zu drängen. Zeitweise war das Ziel der AAB der Aufbau eigenständiger Stadtteilgruppen zur Schwächung der Nazi­Szene. Dabei wurde davon ausgegangen, dass die Interessiertesten irgendwann schon von alleine auch Interesse an der Gesamt-Antifa zeigen. Eine direkte Einbindung Jugendlicher in die AAB war nicht zweckmäßig, da deren oft mühseligen Detaildebatten für Einsteiger als viel zu langweilig angesehen wurden. Inzwischen besteht die AAB-Struktur allerdings in einer Vernetzung relativ selbstständiger Arbeitsgruppen. Darum wird interessierten Jugendlichen jederzeit das Angebot gemacht, Teil dieser Struktur zu werden. Falls daran kein Interesse besteht, wird das Hauptaugenmerk auf eigenständige Stadtteilarbeit gelegt. Entgegen den Befürchtungen der alten autonomen Szene hat sich dieses Konzept als relativ unproblematisch erwiesen.

Spieglein, Spieglein an der Wand
Dennoch lehnen viele Ältere jede Beteiligung an Jugendarbeit ab. Offensichtlich verwechseln sie ihre eigenen biographische Bedürfnisse mit den politische Notwendigkeiten, wollen lieber relevante und inhaltsschwere Inhalte diskutieren als ihre eigene Politisierung nochmals an anderen Personen mitzuerleben. Schließlich ist der Einstieg in die radikale Linke motiviert durch ein Gemisch verschiedenster Motivationen: Der Wunsch nach Lernprozessen genauso wie nach sozialen Netzen und Intimbeziehungen, nach erfolgreichem Eingreifen genauso wie nach Abenteuer und Genußversprechen über Drogen und Musik. Wichtig dabei ist nur, nicht aus den Augen zu verlieren, daß die Leute zwar aus verschiedensten Motivationen in die Linke kommen, aber nur durch die inhaltliche Weiterentwicklung auch bleiben. Was für ältere Linke in ihren Anfängen elementar war, spiegelt sich in den Jugendlichen wieder. Durch den Erfahrungsvorsprung werden Diskussionen aus der Sicht der Älteren immer wieder aufs Neue begonnen und Erfahrungen aus der Distanz wiederholt. Dies schreckt viele ebenso ab wie das Wissen um mögliche personliche Enttäuschungen, die mit Politisierungsprozessen oft Hand in Hand gehen. Dennoch kann es hilfreich sein, nie aus den Augen zu verlieren, welche Aspekte besonders deutlich in Jugendgruppen, versteckter aber auch in allen politischen Gruppen eine Rolle spielen – Freundschaft, Zusammenhalt und gemeinsame Erlebnisse. Und es hat auch noch niemandem geschadet, mit dem eigenen »Fachchinesisch« und Herunterbeten von Schlagworten als Laberkopf belächelt zu werden.

Zusammen gehört uns die Zukunft
Jugendarbeit bedeutet, neuen Interessierten konkrete Angebote zu machen. Für viele Jugendliche steht am Anfang eine Mischung aus »angeborenem Linkssein«, also bürgerlich­humanistisch-antifaschistisch mit einem romantischen Touch, sowie andererseits dem Sozial-Sozialismus, der in der Musikszene oft propagiert wird (»Rock gegen Rassismus«) . Diese Ideale müssen in eine politische Bewegung und damit in komplettere und komplexere politische Analysen eingebettet werde. Sonst entwickeln die Ideale Wirkungen, die sich gegen die Ideale wenden. (»Ihr seid ja seIber so«, »die Welt ist zu schlecht, um sie zu ändern«). Dafür brauchen wir den gemeinsamen Kampf.