Faschismus und Kapital

Interessenlage
Zur Podiumsdiskussion an der Freien Universität Berlin hatte die Hochschulgruppe der AAB eingeladen, um ein Streitgespräch über Einordnung und Bewertung des Nationalsozialismus zu initiieren. Die jüngsten öffentlichen Kontroversen über den deutschen Faschismus ­anlässlich von Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« und der Wanderausstellung über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht – hatten die zentrale Rolle des Antisemitismus für die national­sozialistische Vernichtungspolitik sowie deren massenhafte Unterstützung durch die deutsche Bevölkerung in den Vordergrund gerückt. Im Zentrum der Podiums­diskussion stand die Frage, wie diese Aspekte mit einer klassischen marxistischen Analyse vermittelt werden können, die von einem ursächlichen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus ausgeht. Die VeranstaLtung war sowohl zur gruppeninternen Schulung gedacht als auch zur Anregung für lnteressierte, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, die nicht unwesentlich mit zielgerichteter Antifa-Politik verknüpft sind: War das Dritte Reich die terroristische Herrschaftsform eines entfesselten Kapitalismus und somit ein Klassenstaat? Oder gab es ein Primat der rassenideologisch geprägten Politik, also einen Rassen staat? Sperrt sich die Vernichtung der europäischen Juden nicht gegen jede materialistische Deutung oder existierte tatsächlich eine »Ökonomie der Endlösung«? War die »Volksgemeinschaft« nur ideologische Fassade einer Klassengesellschaft oder kenn­zeichnet den NS ein rassistisches Bündnis von Mob und Elite?

Die Referenten
Zur Diskussion der Fragen eingeladen waren:
• Reinhard Kühnl, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Marburg; er ist neben Wippermann der profilierteste Faschismusforscher in der westdeutschen Linken. Ausgehend von einem marxistischen Ansatz hat er zahlreiche Bücher zum Thema publiziert.
• Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin.
• Karl-Heinz Roth, Arzt und Historiker der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er gehört politisch zur radikalen Linken und ist Experte auf dem Gebiet der faschistischen Arbeiter- und Sozialpolitik.

Zusammenfassung der Positionen
• Kühnl: Der faschistische Staat ist Klassenstaat und Rassenstaat gLeich­zeitig. Die beiden Aspekte müssen zusammengefasst werden, um sie aIs Einheit von Widersprüchen zu begreifen. Die NDSAP kam an die Macht, weil sie den Interessen des Kapitals entsprach. Die Masse der arbeitenden Klasse sollte mundtot gemacht und die Bevölkerung auf die neuen Ziele fixiert werden. Nach der Errichtung von Konzentrationslagern wurden aIs erstes die aktiven Vertreter der Arbeiterbewegung inhaftiert. Gleichzeitig wurden neue Betriebsordnungen errichtet, na ch denen der Unternehmer zum »Führer« des Unternehmens wurde. Im Dritten Reich kamen Führungsgruppen des Kapitals an die Macht. Dem Mundtot-Machen der arbeitenden Klasse entsprach die Konzentration auf den Krieg. Ziele, für die in den Krieg gezogen wurde, waren formuliert von Schwerindustrie und chemischer Industrie. Kapitalistische Interessen waren dabei die Gewinnung von Land, billigen Arbeitskräften und die Sicherung der Rohstoffzufuhr. Die Hierarchisierung der Rassen war eine wichtige Komponente im NS-Faschismus. Ideologische Basis war der Kampf gegen die Vorstellung allgemeiner Menschenrechte, die Vorstellung von Universalität und Gleichheit. Die Behauptung von der Ungleichwertigkeit der Völker, Klassen und Geschlechter sollte Unterdrückung legitimieren. Doch der Massenmord an Juden kann nicht aus kapitalistischen Vorstellungen abgeleitet werden. Antisemitismus ist dabei ein eigener Komplex. Ideologisch konnte der NS auf die tausendjährige Tradition der Judenfeindschaft im christlichen Europa zurückgreifen, in der Juden als »Gottesmörder« denunziert wurden. Daraus entstand Ende des 19. Jahrhunderts der »Antijudaismus« in Deutschland, der von reaktionären Kreisen getragen wurde und sich gegen den Aufstieg des Bürgertums richtete. Die gesellschaftlich ausgegrenzten Juden konnten in dieser Zeit wirtschaftlich und sozial aufsteigen. Der neue Aspekt des NS ist der »Rassenantisemitismus«, der das Judentum als unabänderliche biologische Tatsache definiert. Damit ließen sich Juden als Weltfeind identifizieren und als Gegenbild zum »Arier« verwenden.

• Wippermann: Im Faschismus hat es eine kapitalistische Klassengesellschaft gegeben, aber der faschistische Staat war kein Klassenstaat mehr. Der Staat war kein Instrument irgendeiner Kapitalfraktion. Es gab ein Bündnis und eine Verselbständigung der faschistischen Exekutive. Den Staat sa instrumentalistisch zu definieren wie früher die DDR, geht nicht mehr. Die verschiedenen Kapitalfraktionen haben ihren Profit nicht über den Markt gemacht, über den Verkauf der Produkte, sondern durch den Kampf um die Zuteilung von Rohstoffen und Arbeitskräften. Das ist eine andere Gesetzmäßigkeit. Es war kein Klassenstaat mehr, weil es immer weniger freie Lohnarbeiter gab, die ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen mussten, sondern dienstverpflichtete Volksgenossen, Zwangsarbeiter und immer mehr Arbeitssklaven. Dieses Prinzip der Sklavenarbeit war nicht primar ökonomisch motiviert, etwa wie im Gulag-System der Sowjetunion, sondern stand bereits unter dem Primat der Ideologie des Rassismus. Das Programm des Rassenstaats ging von einer »Reinigung des Volkskörper von allen rassefremden Elementen« aus, neben den Juden die Sinti und Roma, die slawischen Minderheiten, die Sorben und auch die ganz kleine Gruppe der Afrodeutschen. Weiterhin die »Reinigung von Asozialen«, worunter, neben den »geborenen Asozialen« , den Sinti und Roma,auch die Homosexuellen zu subsummieren sind, und von sogenannten erbkranken Elementen. Zur Errichtung eines Rasseimperiums wurden Rassenkriege geführt, das gilt insbesondere für den Krieg gegen die Sowjetunion, der nicht nur gegen den »jüdischen Bolschewismus« geführt wurde, sondern um »Lebensraum«, zur Ausrottung und zur Ansiedlung. Und hier gibt es eine Überein­stimmung nicht nur der Staatsführung und der Eliten, insbesondere der Wehrmacht und ihrer Offiziere, sondern auch groBer Teile des Volkes. Der Rassismus ist nicht nur die Ideologie der Herrschenden, sondern wird auch geteilt von den Beherrschten, und insofern gab es nicht nur, wie Goldhagen sagt, willige Vollstrecker des Antisemitismus, sondern viele willige Vollstrecker des Rassismus.

• Roth: Hinter dem deutschen Faschismus stand das Kapital, aber anders, als Dimitroff sich das vorgestellt hatte, anders in einem paradoxen Sinn. Nach neuesten Forschungen muss davon ausgegangen werden, dass zwischen 1931 und 1933 in allen führenden Unternehmensverbänden, wichtigen Unternehmungen und Wirtschaftsgruppen Positionsverschiebungen stattgefunden haben, die auf ein strategisches Bündnis mit dem deutschen Faschismus hinausgelaufen sind. Also nicht nur Finanzkapital im traditionellen Sinn, sondern alle Kapitalgruppen, beispielsweise auch die Technologiekonzerne und der GroB- und Außenhandel. Nicht eine Minorität des deutschen Kapitals hat auf den Machtfaktor und das politische Diktaturbündnis mit den Nazis gesetzt, sondern in dieser Zeit alle wesentlichen Gruppierungen. Die Völkermordpolitik, die der deutsche Faschismus entwickelt und durchgesetzt hat, kann aus drei zentralen Komponenten erklärt werden:
• das bestialische Syndrom. Es hat Vernichtungsdenken gegeben, das auf die Möglichkeit des Zuschlagens, der Rache, der Ausmerzung, der Austilgung im Krieg gewartet hat.
• Die politische Diktatur, der politische Terrorismus selbst, aIs konstitutiv für den Prozess des Übergangs zur Massenvernichtung
• Wirtschaftspolitische Strategien haben eine entscheidende Rolle gespielt. Beispiel Generalgouvernement des besetzten Restpolens: Dort wurde eine wirtschaftspolitische Konzeption entwickelt, die darauf hinaus lief, dieses Generalgouvernement aus eigener Kraft wirtschaftlich zu entwickeln, und dazu wollte man eine deutsche Führungsschicht etablieren, man wollte gleichzeitig ein Kollaborationsbündnis mit der polnischen Bevölkerung, insbesondere mit den polnischen Bauern und Handwerkern eingehen, indem man den sogenannten jüdischen Sektor im Gouvernment, wie es in den Planungspapieren heißt, zusammenpresst. Es war eine Strategie der Kapitalakkumulation auf der Basis einer Massenvernichtung. Es gab also drei Komponenten, und diese sind untrennbar miteinander verbunden.

Resümee
Die Veranstaltung erfüllte ihren Sinn, die eigene Kompetenz zu den Streitfragen zu erweitern. Zu eindeutigen Ergebnissen kam sie – wie zu erwarten – nicht. Allein schon auf dem Podium deuteten sich kaum vereinbare inhaltliche Schwerpunktsetzungen an. Es ist nicht möglich, einen Schlußstrich zu ziehen unter eine aus guten Gründen seit Jahrzehnten andauernde Diskussion um Ursache und Bedeutung des Faschismus. Einig waren sich alle Referenten in der Ablehnung der »Modernisierungstheorie«, die besagt, dass der Nationalsozialismus eine soziale Revolution vollbracht und dem rückständigen Deutschland einen StoB in die Modernität versetzt habe. Ebenso gemeinsam war die Ablehnung der Totalitarismustheorie, die Faschismus und Sozialismus gleichsetzt, sowie die Befürwortung eines allgemeinen Faschismusbegriff, der das 3.Reich in die faschistischen Systeme einordnet und keinen Einzelfall konstruiert. Die darüber hinausgehenden Unterschiede der Analyse zeigten den 400 Interessierten deutlich die Kernfragen auf, an denen sich eine zeitgemäße linke Faschismusanalyse orientieren muß.