Redebeitrag: Frauenkampftag – Jeden Tag!

Redebeitrag der antifaschistischen gruppe 5 auf der Demo am Frauenkampftag 2012 in Marburg und Pressemitteilung von ProChoice Marburg zu den Aktionen.

Redebeitrag der ag5 auf der Demo am 8. März in Marburg
Im Jahr 2009 richtete die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge“ in Marburg ihren „Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ aus, welcher alle paar Jahre stattfindet. Auf Grund der sexistischen und homophoben Ausrichtung der Organisation und zahlreicher Referent_innen gab es einen breiten Protest und eine grandiose Demo durch Marburg. Der Protest hatte Erfolg: Die Akademie möchte ihren Kongress in Zukunft nicht mehr in Marburg abhalten. Im Mai 2013 soll der nächste Kongress in Würzburg durchgeführt werden. Auch dort sind wieder Referent_innen zu erwarten, die dem evangelikalen Spektrum zuzuordnen sind. Bereits angekündigt ist z.B. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Beiratsmitglied der homophoben Organisation „Offensive Junger Christen“.
Evangelikale verstehen wir als eine konservative Strömung innerhalb des Protestantismus, die sich durch eine wörtliche Bibelauslegung auszeichnet. Sie erkennen zu einem Großteil andere Religionen nicht als gleichwertig an und geben sich sendungsbewusst, was bedeutet, dass etwa politische Betätigung und Missionsarbeit ein wichtiger Teil ihres Glaubens sind.
Die Außenwirkung evangelikaler Einrichtungen im deutschsprachigen Raum ist bewusst auf modern und jugendlich getrimmt. Die Gottesdienste bieten vordergründig viel Musik und ein großes Maß an Möglichkeiten, sich selbst einzubringen. Auch neben den Gottesdiensten gibt es zahlreiche Angebote, von Freizeiten über Gesprächskreise, die ein offenes und attraktives Bild vermitteln sollen, das allerdings der fundamentalistischen Glaubensausrichtung diametral entgegensteht. So wird auch mit zunehmendem Engagement in der evangelikalen Strömung die zutiefst hierarchische Ausrichtung spürbar, wenn unmittelbar in das Privatleben der Beteiligten eingegriffen und dieses kontrolliert wird.
Dieser Eingriff in das Privatleben äußert sich vor allem im einem propagierten Bild von Ehe und Familie, das durch eine wörtliche und aus dem historischen Zusammenhang gerissene Auslegung der Bibel zustande kommt. Insofern wird Homosexualität nach wie vor als Sünde, Krankheit oder Perversion gewertet, Sex vor der Ehe oder alles, was außerhalb der Ehe Lust erzeugen könnte, werden im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt.
Auch zum Thema Schwangerschaftsabbruch beziehen Evangelikale seit Jahren vehement Position: Für sie ist Abtreibung schlicht und ergreifend Mord. Doch es wird nicht nur so genanntes ungeborenes Leben vernichtet -Holocaust-Vergleiche sind hier nicht selten-, sondern nach Ansicht vieler Evangelikaler hat eine Abtreibung auch verheerende Folgen für die Betroffene: Neben ihrem Festhalten an einem angeblichen Zusammenhang zwischen Schwangerschaftsabbrüchen und erhöhtem Brustkrebsrisiko, halten sie auch die Existenz eines Post-Abortion-Syndroms für bewiesen. Dieses Syndrom soll erhebliche psychische Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen beschreiben, in der Medizin gilt diese Erkenntnis allerdings seit Jahren als nicht haltbar.
Sexuelle Selbstbestimmung gibt es in dieser Gemeinschaft evangelikaler Christen nicht!

Warum ein Redebeitrag zu Evangelikalen am Frauenkampftag?
Wir gehen nicht davon aus, dass fundamentalistische Christ_innen die aktuelle größte Gefahr für die Rechte von Frauen, Homosexuellen und Nicht-Christ_innen in Deutschland darstellen. Allerdings glauben wir, dass der Einfluss von Evangelikalen in der so genannten Mitte der Gesellschaft wächst, nicht zuletzt, da sie als Lobbygruppen und Publizist_innen straff organisiert und auch finanziell gut aufgestellt sind. Ihr Ziel ist es, ganz bewusst Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen, was problematisch ist, wenn man bedenkt, wie gering der Stellenwert eines selbstbestimmten Lebens bei Vertretern der evangelikalen Strömung angesehen wird. My body my choice gilt hier weder im Bereich einer selbstbestimmten Sexualität, noch im Bereich einer eigenen Entscheidung darüber, Kinder zu bekommen oder eben nicht.
Wir halten es für notwendig, dass auf die evangelikalen Umtriebe entschieden reagiert und Aufklärung darüber betrieben wird, was ein “evangelikaler Grundkonsens” im Leben von Menschen anrichten kann.
Auch heute lautet also unser Aufruf:
Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus! Nicht in Marburg, nicht in Würzburg und nicht anderswo!

Pressemitteilung von ProChoice Marburg
Der Kampf von und für Frauen muss alltäglich geführt werden
Heute am 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, gingen über 70 Menschen zu einer nicht angemeldeten lautstarken Demonstration in Marburg auf die Straße. Mit Parolen wie „Abtreibung ist Frauenrecht – bei ProLife da wird uns schlecht“ und „8.März alle Tage – das ist eine Kampfansage“ machten die Demonstrierenden ihrem Ärger über die bestehenden Verhältnisse Luft. Angefangen am Elisabeth-Blochmann-Platz lief die Demonstration zunächst über die Biegenstraße zur Elisabeth-Kirche, weiter bis zum Bahnhof und anschließend auf den Marktplatz. An diesen Plätzen wurden verschiedene Redebeiträge verlesen, in welchen deutlich gemacht wurde, warum dieser Tag als internationaler Frauenkampftag so wichtig ist. Simone Debuvar, die Sprecherin der Gruppe ProChoice Marburg, dazu: „Uns reicht es nicht, Frauen an diesem Tag eine Rose zu überreichen oder zum Sektempfang zu laden. Für uns ist und bleibt der 8. März Frauenkampftag!“
Thematisiert wurden bei den Kundgebungen die miserablen Zustände der Gesetzgebung und des gesellschaftlichen Umgangs mit Abtreibung, die sexistische und homophobe Gewalt, die Frauen alltäglich widerfährt und evangelikale Organisationen, die durch ihr frauenverachtendes Weltbild von sich Reden machen. „Denn noch immer erfahren Frauen auf Grund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Identität und Orientierung Gewalt und solange das Bestand hat, kann nicht von der Gleichberechtigung aller Geschlechter gesprochen werden“, sagte Debuvar.
Solidarität erfuhr die Demonstration durch verschiedene Gruppen aus Marburg und Frankfurt. So gab es Redebeiträge zu dem Frauenraum Feministisches Archiv, zu feministischer Kritik an männerbündischen Organisationen wie der Deutschen Burschenschaft und zu dem Verkauf des Instituts für vergleichende Irrelevanz in Frankfurt. „Wir sind begeistert von so viel Unterstützung. Dies zeigt nur zu deutlich, dass das Motto des heutigen Tages Frauenkampftag, jeden Tag! keine leere Worthülse ist“, sagte die Sprecherin Debuvar.
Die Polizei Marburg begleitete die Demo mit mehreren Fahrzeugen und Motorrädern. „Das für Marburger Verhältnisse hohe Polizeiaufgebot überstieg alle Erwartungen und suggeriert eine als hoch empfundene Bedrohung durch Frauen, die am Frauenkampftag auf die Straße gehen“, stellt Debuvar nüchtern fest, „wir lassen uns aber dadurch nicht einschüchtern, sondern sehen es als Motivation den Kampf jeden Tag weiterzuführen.“