Antifa heißt Angriff

Antifaschismus als Abwehrkämpfe und Bündnisgrundlage.
Der sammelnde Charakter ist ein Aspekt des Antifaschismus. Die historische »Antifaschistische Aktion« gründete sich in der Weimarer Republik 1932 in einer Notwehr­situation, um sich gegen die FaschistInnen zu verteidigen. Viele Beteiligte hatten im Hintergrund ihre »eigentlichen« Parteien (vor allem die KPD), die teilweise gegeneinander kämpften. Antifa war der kleinste gemeinsame Nenner, um sich zum Abwehrkampf zusammen zu schließen. Das Entgegentreten gegen jede Form des Faschismus ist bis heute verbindliche und einigende Grundlage der Linken. Nazis stellen eine konkrete Bedrohung dar und sind Vertreter extrem reaktionären Gedankengut’s; für jede linke Gruppe ist es daher zwingend, sich der Konfrontation mit den Faschisten zu stellen. Genauso wie die faschistische Gewalt nicht unterscheidet zwischen linken Strömungen, sa darf es nicht zur Spaltung kommen im Kampf gegen die rechte Gefahr. In die sem Sinne ist Antifaschismus ein erfolgreiches Bündnisprojekt. Inhaltlich besteht in den fortschrittlichen Teilen der Bevölkerung zudem eine Sensibilisierung durch die nationalsozialistische Geschichte. Dem wird der kleinste gemeinsame Nenner entgegengehalten; Vorstellungen von Humanismus, Gleichberechtigung und Toleranz. Sa war dies gemeinsame Anliegen der tragende Konsens der DDR. Der Gedanke der Gemeinsamkeit im Abwehrkampf war prägend für viele traditionelle Antifa-Organisationen wie VVN/BdA. Die Grundstimmung gegen Nazis war ein Hintergrund der 68er Unruhen in der BRD. Erfolge gibt es nur in der Offensive Die Parole »Antifa heißt Angriff« gibt in knapper Form unser Verständnis von Antifaschismus wieder. Dieses basiert nicht auf Selbst­verteidigung. Wir wollen nicht darauf warten, bis die Nazis vor unserer Haustür stehen, sondern selbst initiativ werden. In einem viel allgemeineren Sinn heißt dies, daß es nicht um die Selbstbezogenheit der reinen Abwehr geht, außer in dem Maß, in dem jedes linke Engagement eine Abwehr gegen bedrückende Verhältnisse ist. Antifaschismus ist eine Ausgangsposition, aus der heraus wir aktiv, also nicht reagierend, die Konfrontation mit den bestehenden Verhältnisse suchen. Durch das »In-Angriff-nehmen« wird gleichzeitig signalisiert, dass das Ziel darin besteht, Fakten zu schaffen statt zu kritisieren. Man muß die Welt tatsächlich, also durch Taten, durch Praxis in Frage stellen. Zusammengefaßt ist Antifa also keine Verteidigung, sondern eine Ausgangsposition, die zu Praxis fuhrt. Wesentlicher Bestandteil dieser Praxis ist selbstverständlich Anti-Nazi-Kampf.

Begriffsklärung
Anti-Nazi-Kampf erfordert Begriffsklärung. Wie jeder andere Kampfbegriff auch ist »Faschismus« in der geschichtlichen Anwendung bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden, von innerlinken Auseinandersetzungen bis zum Kampf gegen jede Form von Schlechtigkeit. Diese Schwammigkeit ist dem ideologischen Gegenstand geschuldet, da »Nationalsozialismus« sa wie jede andere Form des Faschismus eine unbestimmte Tendenz ist: ein Stückwerk aus zusammengebastelten unterdrückerischen Thesen. Gleichzeitig haben sich die historischen Faschisten auch in ihrer konkreten Ausprägung recht deutlich unterschieden. Wahrend etwa Deutsch­land ein hoch industrialisiertes Land war, fußten die faschistischen Regime in Ostmitteleuropa auf rückständigen sozioökonomischen Strukturen und sind wahl eher als Entwicklungsdiktaturen zur Schaffung kapitalistischer Verhältnisse zu deuten. Auch die ideologischen Differenzen sind beachtlich:
Der Antisemitismus spielte z. B. in Italien eine vergleichsweise unbedeutende Rolle. Manche ForscherInnen wenden sich sogar wegen der zentralen Stellung des Antisemitismus im Nationalsozialismus und seiner einzigartigen Brutalität gegen die Verwendung eines allgemeinen Faschismusbegriffs. In der linken Diskussion hat sich aber ein solcher einheitlicher Begriff durchgesetzt: Faschismus steht für das Sammelsurium aller rassistischen, nationalistischen und autoritären Massenbewegungen mit anti­kommunistischer und antiliberaler VoIksgemeinschaftsideologie.
In der Realität der BRD ist eine solche Massenbewegung nicht organisiert. Jedoch findet sie zunehmend Zuspruch in beachtlichen Teilen der Bevölkerung, wodurch sie sich einerseits als Milieu verbreitert, und teilweise zersplitterte Parteien und Organisationen da raus hervor­gehen. Kennzeichen eines »Nazis« bzw. Faschisten ist die innere Identifikation mit diesem Milieu, ob sich dies nun in der Übernahme bestimmter Thesen oder einem allgemeinen Lebensgefühl äußert, in einem hohen oder niedrigen Organisierungsgrad. Dabei richtet sich Antifa-Recherche und damit der Anti­Nazi-Kampf bevorzugt darauf, wo die organisierten, also gefestigten Nazikader auftreten und in welchen gesellschaftlichen Strukturen faschistische Tendenzen, also die Grundstimmungen des Milieus, aufgegriffen werden.

Entwicklung der Nazi- Szene
Entsprechend der Zerstrittenheit ihrer historischen Vorbilder ist die Nazi-Szene momentan zersplittert. Oft handelt es sich um lokale Gruppierungen, deren jeweiligen Anführer untereinander persönliche Streitigkeiten austragen. Das bunte Misch-Masch der Szenen sei hier im Graben skizziert: Vor der Verbotswelle in den Neunzigern stellte die »Freiheitliche Arbeiterpartei« (FAP) die Schlager-Nazis auf der Straße, die »Nationalistische Front« (NF) schulte ideologische Kader, als seriöse WahIparteien hatten Republikaner und Deutsche VoIksunion (DVU) beachtliche regionale Erfolge. Die »Neue Rechte« mit ihrer Vorzeige­zeitung »Junge Freiheit« übte sich in der Herausarbeitung sammelnder Punkte für die vereinte Rechte und betrieb Bündnisarbeit bis ins konservative Spektrum.
Nach der Verbotswelle gegen Nazi­Gruppen blieb nur die »Neue Rechte« unverändert. Die WahIparteien verloren mit der Übernahme ihrer Thesen bis weit ins etablierte Parteienspektrum hinein an Gewicht, die verbotenen Strukturen gingen wieder im Milieu auf. Zum einen machten sie aus ihrer Not eine Tugend und proklamierten autonome Zellen und Kameradschaften, zum anderen sammelten sie sich bei den Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Heute, nach dem neuerlichen Aufschwung der Nazi-Szene, vertritt die JN als eine der übriggebliebenen Organisationen die militante Bewegung auf der Straße und agiert mit Gespür für öffentliche Themen in der Medienlandschaft. Ihre Kader greifen Themen auf wie die Wehrmachtausstellung in München oder den 1. Mai. Es formiert sich die Idee, nach dem Vorbild der »Front National« in Frankreich eine Partei zu etablieren, die nach rechts keine Abgrenzungen kennt, was ein Bruch ware mit dem bisherigen Vorgehen von REPs und DVU. Gleichzeitig wachst das mobilisierbare Milieu in Form der militanten rechten Skinhead-Szene vor allem in Ostdeutschland. In manchen Gegenden hat der Rechtsradikalismus den Status einer regelrechten Jugendbewegung mit kultureller Dominanz erlangt. In der rechten Subkultur etablieren sich Vertriebe und Schallplattenhändler, die hier ökonomisch überleben können. Die ersten Generationen der Nazi­Skin-Szene haben bereits Einzug in den bundesrepublikanischen Alltag gefunden, oft da, wo eine Nachfrage nach Recht und Ordnung besteht – bei den privaten Sicherheitsdiensten, der Bundeswehr, als Juristen, als Ladenbesitzer (Militaria, Kleidung, Platten, Tattoos usw).
Die DVU konnte bei ihrem spektakulären Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt die rechte Grundstimmung unter den ostdeutschen Jugendlichen in Stimmen um münzen. Vor Ort ist die Partei bislang zwar kaum vertreten, trotzdem wählte etwa ein Drittel der unter-30jahrigen die DVU. Angesichts dieses Aufschwungs wenden sich in jüngster Zeit verstärkt Mitglieder der zuletzt recht erfolglosen Republikaner der DVU zu, allen voran der ehemalige REP-Chef Franz Schönhuber.

Die Beschränktheit des reinen Reagierens
An der Praxis desAnti-Nazi-Kampfs beweist sich die Unmöglichkeit der Beschäftigung mit dem Konkreten ohne gesamt gesellschaftlichen Hintergrund. Wer nur gegen Nazis kämpft, braucht für die eigene Perspektive die Starke des Gegners; wo sonst soll die Motivation herkommen, jeden Arschtritt zu dokumentieren, der bestenfalls lokal von Bedeutung ist. Doch gerade die Recherche-SpezialistInnen gerieten in den letzten Jahren schnell in Widersprüche: Einerseits wurde die Gefahr durch Nazis als groB genug eingeschii.tzt, um sich ausschließlich damit zu beschäftigen. Andererseits war das Ergebnis der daraus resultierenden Beobachtungen dürftig: eine Nazi-Szene voller lokaler Streitereien und intellektueller Armseligkeit, was in der Antifa-Agitation auch genüßlich aus gewalzt wurde. Die Auflösung dieses Widerspruchs bestand in der Aufdeckung geheimer Hintergrund­netze und klandestiner Zusammen­schlüsse, denen eine zweifelhaft groBe Bedeutung zugeschrieben wurde. Zum guten Teil wurde daraus auch die eigene Relevanz abgeleitet: aus der Gefährlichkeit der Nazis selber, nicht aus ihrer Anschlußfähigkeit an gesellschaftliche Zustände Verschärft wurde das Problem dies es Ansatzes durch den beinahe vollständigen Zusammenbruch der reinen Anti-Nazi-Gruppen. Wer ohne weiterführende Perspektive immer wieder die konkrete Gefahr bannen muß, verschleißt sich durch die ständige Bewegung wie im Hamsterrad. Das Konkrete kann immer nur Ausgangspunkt sein, nie Endpunkt. Als Ausgangslage ist es aber unerlässlich.

Das Ganze liegt im Detail: Anti-Nazi-Kampf
Nur wer im eigenen Bereich Glaubwürdigkeit entwickelt, hat die Chance, Ansprechpartner für ein breites Spektrum zu werden. Aussenwirkung und damit Bündnisfähigkeit ergeben sich da, wo sich die radikale Linke über ihre Kompetenz profilieren kann und deswegen die Zusammenarbeit für allen Beteiligten hilfreich ist.
Im Anti-Nazi-Kampf geht es hier um die Bereiche Recherche und Mobilisierungsfähigkeit. Zum einen ist wichtig, den Überblick über die oft verdeckten Nazi-Strukturen zu bewahren, ihre Kader und Treffpunkte zu kennen. Zum anderen geht es um die Fähigkeit, zu antifaschistischen Aktionen auch tatsächlich ein eigenes Umfeld zu mobilisieren, was für viele Bündnispartner ein zunehmend größeres Problem wird. Damit solche Starken auch für andere zum Vorteil werden, muS das spezielle Anliegen als gemeinsam begriffen werden.

Die Wahrheit ist konkret
Der Anti-Nazi-Kampf ist nach 89 zeitweise zur Grundvoraussetzung jedes linken Engagements geworden. Wo die Nazis mit keinem Widerstand konfrontiert und damit nicht eingeengt sind, können sie sich in hemmungsloser Brutalität an allem austoben, was nicht in ihr WeLtbild paßt. Dies fuhrt in bestimmten Regionen dazu, dass kein fortschrittliches Engagement möglich ist, ohne sich selbst existentieller Bedrohung auszusetzen. Gleichzeitig trägt ständige rechte Präsenz aber auch dazu bei, dass Faschismus als Alltagsproblem wahr­genommen wird, das in keiner Region mehr zu übersehen ist und damit alle betrifft. Zusätzlich handelt es sich um einen offensichtlich politischen Konflikt, was der gängigen Wahrnehmung von Alltagsproblemen widerspricht.
Durch die Möglichkeit zur eindeutigen Frontenbildung statt abstrakter Problemstellung wird konkretes gemeinsames Engagement ermöglicht. lm Konkreten las sen sich Fragen aufzeigen und klaren.

Militanzfrage
Sa dreht sich beinahe unvermeidlich jede Auseinandersetzung um Aktionen schnell um die Frage der Militanz. Dies wird von den betroffenen AktivistInnen, die darauf nicht reduziert werden wollen, oft beiseite geschoben, da es sich um ein Mittel handele und um kein Ziel. Diesen Diskussionsstil halten wir für einen Fehler. Der unangenehmste und umstrittenste Aspekt der Politik ist immer der, der politisch am wirksamsten ist und am stärksten wahrgenommen­ wird. Darum muß er thematisiert werden, au ch auf die Gefahr hin, dass insbesondere die Antifa bei differenzierter Argumentationsführung sofort in die Gewaltecke gedrängt wird. Doch gerade in diesem Punkt lassen sich viele falsche Denkmuster in der gründlichen Auseinandersetzung widerlegen. So ist oft die Rede von der »Gewalt­spirale«. Dies bezeichnet den Glauben, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt und sich diese Entwicklung hoch schaukelt bis zur völligen Eskalation. Dabei laBt sich leicht an Erfahrungen beweisen, daß die Nazi­Strukturen dort besonders stark sind, wo ihnen wenig Widerstand entgegen­gesetzt wird; umgekehrt ist es in vielen Orten durch entschlossene Gegen­wehr gelungen, den Nazis öffentliches Auftreten unmöglich zu machen. Ebenso ist Faschismus als Ideologie und Praxis unterdrückerischer Gewalt nicht durch Militanz fanatisierbar; meist haben Nazis ihre Anziehungskraft nicht über Argumentation, sondern über die Vermittlung von Gemeinschaftsgefühl, Stärke und Macht. In den letzten zehn Jahren hat sich gezeigt, daß diese Anziehungskraft bisher vor allem auf der primitiven Ebene der Auseinandersetzung gebrochen wurde. Ohnehin ist Gewalt kein Erkennungszeichen radikaler Gruppen, sondern wird von jedem existierenden System angewandt, um das eigene Bestehen zu sichern und bestimmte Dinge durchzusetzen. Jede antagonistische, also unversöhnliche Bewegung ist darauf angewiesen, bei Ernsthaftigkeit ihres Vorgehens diese Form des Eingreifens offenzulassen. Dementsprechend hat sich in der Antifa der Konsens zu bewahren, dass es keine Spaltung geben darf in »gute« friedliche und »böse« gewaltbereite AntifaschistInnen. Es gibt viele Wege im Kampf um ein menschenwürdiges Leben. Sie sollten sich solidarisch ergänzen. Statt sich voneinander abzugrenzen, ist es unsere Aufgabe, die Ursachen militanter Praxis zu thematisieren.
Solche Erkenntnisse gilt es erst in langwierigen Diskussionen zu vermitteln. Natürlich ergeben sich in der Praxis unzählige andere Diskussionsmöglichkeiten um Vorgehen, Einschätzungen und Abmachungen, die vom Konkreten zwangsläufig zum Allgemeinverbindlichen führen. So funktioniert jede an einzelnen Anliegen orientierten Bewegung, und dies ist für uns das einzig Zeitgemäße.

Blick auf andere Anliegen
Allerdings ist Antifaschismus nur ein möglicher Ansatzpunkt unter vielen anderen. Wahrnehmbarer Widerstand entwickelte sich in den letzten Jahren ebenso zu Themen wie Atomkraft, Sozialabbau und Rassismus, also ebenfalls in zeitgemäßen Bewegungen, die sich um konkrete Anliegen gruppieren. Wir haben uns für Antifaschismus als Ansatzpunkt entschieden, da wir aus oben genannten Gründen in der Antifa die erfolgsversprechendsten Perspektiven für den Aufbau einer gesellschaftlich wirksamen, linken Bewegung vermuten. Diese Hoffnung schieBt jedoch die enge Zusammen­arbeit mit anderen Strömungen ein. Verschiedene Ansii.tze können sich ergänzen, schließlich ist die Linke kein »Nullsummenspiel«, in dem eine immer gleich bleibende Anzahl von Leuten sich auf verschiedene Anliegen verteilt und darum jeder Zugewinn bei einer Initiative einen Verlust für eine andere Initiative bedeutet. Im Gegenteil führt der Erfolg in einem Bereich mit der damit verbundenen Medienpräsenz zu Eigendynamik, zu einer allgemeinen Stimmung und damit zum Aufschwung anderer Bereiche und dem Interesse vieler Neuer. Die Hoffnung auf Erfolge aller Bereiche und spätere Sammlung ist die einzig haltbare Perspektive. Dies nehmen wir für den Bereich Antifaschismus in Angriff.