Der Traum von einer Sache

Theorie und Praxis
Wer unzufrieden ist mit dem, was passiert, braucht Wissen. Denn wer nicht nur im täglichen Stumpfsinn vor sich hinleben will, sondern Veränderung anstrebt, muss überzeugen können, braucht also Argumente und einen Plan, zumindest eine Richtung. Noch wichtiger für konsequentes Vorgehen ist das Unterscheiden-Können von Ursachen und Auswirkungen, von Wesentlichem und Unwesentlichem. Die Aufgabe von Kritik und Theorie besteht in der Analyse gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten, im Aufzeigen kapitalistischer Bestimmung scheinbar beliebiger Verhältnisse. Ihre Relevanz liegt im Benennen von Machtverhältnissen und möglicher Eingriffspunkte für die Linke. Dabei kann die theoretische Auseinandersetzung politische Praxis nicht ersetzen, wahl aber geleiten, revidieren, reflektieren. Es geht um die Klugheit im politischen Kampf.

Wissen ist eine Waffe
Wissen ist in der kapitalistischen Weltgesellschaft eine immer starker beachtete Quelle von Macht. Die Mainstream-Ökonomen gehen zunehmend dazu über, als entscheidende Reichtumsquelle von Volkswirtschaften das »Humankapital« zu modellieren, also das individuell angesammelte Wissen. Als wesentliche Struktur gesellschaftlicher Un­gleichheit las sen sich die verschieden verteilten (Aus )Bildungschancen errechnen. Wer die Macht in Frage stellen will, muss auch ihr Herrschaftswissen überwinden können Gerade die Linke ist auf die Verbindlichkeit von Ideen und damit auf grundsätzliche Orientierungen angewiesen, auf einen sozialen Sinn, da sie reale Macht nicht besitzt. Es sei daran erinnert, dass in der bisherigen linken Geschichte die größte politische Wirkung eines Einzelnen nicht von einem Armeeführer ausging, sondern von einem ökonomischen Theoretiker.

Das ist soziale Marktwirtschaft (langweilig wird sie nie)
Inhaltliche Diskussion muss aber von der heutigen gesellschaftlichen Realität ausgehen, und die ist in erster Linie die vollständige Entwertung der Kritik. Inzwischen kann jeder Oberschüler Siemens-Prospekte, CDU-Programme oder Waschmittel­Reklame an der Realität blamieren ­sie funktionieren trotzdem. Jeder soziale Sachverhalt, jede emotionale Beteiligung und jede Form von Moral kann schließlich lächerlich gemacht werden, außer Reichtum. Denn wo die Kapitallogik sich durchsetzt, ist selbst­verständlich, dass Gedanken nicht verbindlich sind, sondern höchstens interessant. Wo es nichts Grundsätzliches mehr zu klii.ren gibt, bleibt die Lust am Detail, und gesiegt hat schon, was aus der Informationsüberflutung im Gedächtnis bleibt. Ein Großteil dieser inhaltlichen Information ist Werbung mit ihren aufgeklärt falschen Maximal­versprechen und individualistischer Freiheits-Ästhetik. Verbreitet ist heute die ironische Distanz zu allem – zur Werbung, zu sich, zu seinen eigenen Verhaltensmustern und Rollen. Diese Distanz ist allerdings durch nichts gerechtfertigt, da letztendlich doch Entscheidungen fallen müssen und diese einen Maßstab brauchen. Hinter der Maske lauert die Maske. Dennoch werden die grundlegenden Orientierungsmaßstii.be des eigenen Handelns als bloße Stilfragen ausgegeben. Und sa weiB jeder, der sich mit Eindrücken, Lebensstilen und Gedanken bombardieren laBt, dass seine eigenen Gedanken »kontingent« sind, also auch jederzeit na ch anderen Kriterien auswählbar. In solcher Lockerheit ist es auch möglich, die eigenen Gedanken leidenschaftlich zu verteidigen, was dann ihre besondere Ausstrahlung ausmacht.

Meinung und Orientierung
vor die sem gesellschaftlichen Hintergrund ist es wichtig, zwischen Meinungen und Orientierungen unter­scheiden zu können. Meinungen sind Standpunkte zu speziellen Themen, Orientierung ist die dahinter stehende Logik, die die selbstgewählten Meinungen in einen logischen Zusammenhang stellt. Diese Logik ist das Wesentliche. Sa ist ja gerade die unübersichtliche gesellschaftliche Vielfalt der publizierten Meinungen in einer grundlegenden Orientierung eingebettet: Meinungen haben interessant zu sein, um dann auf die eine oder andere Art vermarktet zu werden. Als Orientierung der Einzelnen bedeutet dies: »Die Welt ist durchschaut, aber im Detail unübersichtlich, alles ist irgendwie berechtigt. Ideen werden danach beurteilt, welchen Grad an Lust oder Unlust sie in mir erzeugen. In meiner Welt, nämlich an meinem Arbeitsplatz spielen sie ohnehin keine Rolle«. Erst vor dieser Vereinfachung bewegen sich dann die vielfältigen Lebensstile nebeneinander her.

Reduzierung von Komplexität
Was sich im Alltag sa undogmatisch und zukunftsoffen präsentiert, ist selbstverständlich ein Modell inhaltlicher Schwerpunktsetzung, das neben sich kein anderes zulässt. Ohne ein solchen grundsätzlichen Orientierungsmaßstab könnte sich niemand auch nur einen Tag in der Realität behaupten. Daß wirklich alle solche Weltmodelle benötigen, liegt an der Notwendigkeit, die Komplexität der Erfahrungsumwelt zu reduzieren. Vereinfachungen sind nötig und Ziel solcher Auswahlfilter. In gleicher Weise reduziert Politik die gesellschaftliche Komplexität durch die Entscheidung, selber einzugreifen und auf diese Weise den Alltag auf sich zu beziehen. Dies führt zur Erfahrung, wie wunderbar sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird bzw. auf ihre Zuordnung zu den eigenen Kampfe.

Wenn einer gerne schreibt, ist er froh, wenn er ein Thema hat
Doch gerade diese Grundausrichtungen stoßen in der Linken auf Ablehnung. Verbreitet ist die Kritik an »Phrasen« – also an langst bekannten, formelhaft heruntergeleierten Standardsätzen. Doch verfehlt diese Kritik oft den Kern des Problems, nämlich das nicht in seinen Konsequenzen reflektierte Herunterleiern. Vielmehr wird dann der andere Aspekt, nämlich die Bekanntheit der Aussagen aIs Schwache ausgemacht, sa dass die Suche nach dem »Neuen« zum Ziel wird. Dahinter steht ein fehlendes Verständnis der Situation der Wissenschaft und der linken Theorie. Es geht nicht um das Neue, sondern um die Gewichtung des Bekannten und die Bewahrung in der Praxis. Es ist völlig perspektivIos, zu verneinen – es geht darum, die richtigen Ergänzungen hinzuzufügen. Eine radikale linke Kritik muss auch sich selbst zum Thema haben. Unsere Konsequenz daraus lässt sich an drei Schlagworten festmachen: Orientierung, Kontinuität und Umsetzung.

Orientierung:
Ohne Marx keine Zukunft

Wer keinen grundsätzlichen Orientierungsmaßstab anstrebt, sondern sich lieber von Fall zu Fall entscheidet, hat sich bereits für die Verwertungslogik entschieden. Viele, die lesen, wollen etwas über die Welt lernen. Dabei hoffen sie auf neue Gedanken, die ihre ganze bisherige Erfahrungswelt in neues Licht tauchen. Die klassische Vorlage dafür liefert Marx, mit den Konzepten von Klassenkampf, historischem Materialismus und Dialektik. Vieles davon ist allerdings unter anderen Vorzeichen langst ins Allgemeinwissen eingegangen ­ebenso wie die Reaktionen auf Marx und die gescheiterte Praxis in seinem Namen: als »Lass die doch reden«. Wer sich inhaltlich anstrengt, weiB, dass man die Tatsachen nicht von ihrer Bedeutung trennen kann; dass Ideen auf den eigenen Alltag, al sa die ökonomische Lage zurückzuführen sind; dass nicht Worte entscheidend sind, sondern das Verhältnis von Worten . und denen, die sie aussprechen; dass man keine Idee verstehen kann, ohne ihre gesellschaftliche Wirksamkeit zu berücksichtigen; dass Klassen existieren und diese den Lauf der Weltgeschichte geprägt haben, daß Fortschritt sich durch Widersprüche und nicht durch Harmonie entwickelt usw. Im Detail lii.Bt sich allerdings mit Marx (und erst recht mit seinen NachfolgerInnen) nur schwierig arbeiten. Zum einen kann man mit einzelnen Zitaten sa ziemlich jeden politischen Standpunkt rechtfertigen, zum anderen sind die Details oft sehr deutlich der historischen Situation geschuldet. Darum muss man das unüberschaubare und hoch abstrakte Gesamtwerk genauso nutzen, wie es die MarxistInnen aller Zeiten getan haben. Sofern sie nicht einfach die intellektuelle Kraft seiner Polemiken für die eigene überhebliche Position übernehmen wollten, orientierten sie sich an bruchstückhaftem Wissen um die richtigen Prinzipien. Dies muss aber kombiniert werden: Keine Theoriearbeit ohne Einbeziehung von aktueller Ökonomie, Sozial­psychologie, Politologie usw. Vom Marxismus bleibt vor allem das wirksam, was von seinen Kritikern noch heute als Vorwurf formuliert wird: Nämlich die Umdeutung aller Probleme in soziale und seine Eignung, nahezu alle sozialen Konflikte zu verschärfen, in denen sich ein Empfinden des Benachteiligtseins durchgesetzt hat.

Orientierung: Gegen die Säuberung der eigenen Reihen
Allerdings tragen genau diese Aspekte durch ihre geschichtslose Anwendung zur Selbstzerfleischung der Linken bei. Mit Vorliebe wird zurückgegriffen auf die Appelle zur Unversöhnlichkeit und zum bedingungsLosem Linienkampf der historischen Vorbilder. Geschichtlich ging es aber um die Frage, ob sich mit der Arbeiterklasse potentielle Bevölkerungsmehrheit Revolution oder Reformismus zuwenden. In der Politszene werden mit dieser unnachgiebigen Haltung immer wieder Modethemen durchgesetzt, die man aufgreifen muss, wenn man nicht gleich zur anderen Seite gehören will – z. B. in den Siebziger Jahren der Bezug auf die Chinesische Kulturrevolution.

Orientierung: Gegen Distinktionsgewinn durch Kritik der Kritik
Dieses Vorgehen des linken Milieus passt hervorragend zur allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz:der Suche nach Distinktionsgewinn, also Vorteilen aus dem eigenen Anderssein. Distinktion ist das Unterschiede setzende Verhalten und fördert Profilierung: Sozialgewinne als kompetentester Gesprächsführer, proletarischster Arbeiterführer, frechster Journalist oder selbst­bewußterer Beziehungspartner. Wem es im Politischen um die Distinktion geht, der kritisiert schon lang nicht mehr die Weit, sondern ihre Kritiker: Einerseits laBt sich sa die Radikalität und Wortgewalt der Kritisierten aIs Haltung kopieren und sogar noch steigern. Andererseits ist das Ganze billig zu haben, da es keine praktische Verbindlichkeit erfordert. Nun sind Grundorientierungen tatsächlich in der Regel intellektuell trübe. Durch die Wiederholung des Selbstverständlichen und Gemeinsamen entsteht eher Langeweile als Fortschritt. Der Radikalisierung in Spezialgebieten lässt sich hingegen beträchtlicher Unterhaltungswert nicht absprechen. Darum muS politische Arbeit beides aufgreifen. Entscheidend ist, unterscheiden zu können: das eine mündet in Strukturen. das andere in der Bereicherung der Persönlichkeit sowie Erkenntnis- und Luststeigerung.

Kontinuität:
Wer hat dich bloß so ruiniert

Vor diesem Hintergrund kann es nicht die Lösung des momentanen Zustands sein, jetzt erst recht um die reine Linie zu kämpfen. Nicht am Eingeständnis falsch beantworteter Fragen ist die Linke zusammen­gebrochen, sondern am nagenden Bewußtsein völliger Wirkungslosigkeit, in dem das Fragenstellen aIs solches irgendwann bedeutungslos wird. Die einen werden eingebunden in ihren Beruf, bis wegen fehlender Zeit Politik aIs Luxus geopfert werden muS. Die anderen investieren mehr in Politik und sind dann leichter zu treffen durch Rückschläge, die sich vor allem aIs persönliche Enttäuschungen bemerkbar machen. Im ständig zunehmenden gesellschaftlichen Bewußtsein um Kontingenz lassen sich Ansprüche aneinander nur im Ausnahmefall durchsetzen. Es gibt kein Wahres im Falschen. Und was im sympathischen eigenen Umfeld nicht funktioniert, laBt sich nur schwer aIs Vorwurf an die Allgemeinheit richten.

Kontinuität: Die schärfste Kritik hat sich selbst nicht als Ausnahme
Für uns bedeutet Pragmatismus, also die Orientierung an den unmittelbaren Konsequenzen, die Praxis ais Maßstab zu nehmen sowie die Möglichkeit des Scheiterns mit einzubeziehen. In diesem Sinn muss jedes Engagement unmittelbare Vorteile beinhalten, wie Selbstschulung, Horizonterweiterung oder den Aufbau sozialer Netze. Ökonomisch besteht die Aufgabe darin, entweder die eigenen Anliegen in den Beruf zu integrieren oder Arbeit und Politik unter einen Hut zu bringen. Nur sa lassen sich die Lebens- und Sinn­krisen überstehen, die zwar im Kapitalismus ausnahmslos alle irgend­wann befallen, sich aber nicht in jeder Situation gleich gut bewältigen lassen.

Umsetzung:
Pragmatismus mit Maximalforderungen

Wenn Welterklärungsmodelle immer ideologisch sind, also Gründe für das eigene Verhalten liefern, bedeutet dies aber auch, dass die inhaLtliche Auseinandersetzung sich nur lohnt, wenn in FoLge irgendein erfolgsversprechendes Verhalten zu erwarten ist. Erste Aufgabe der revolutionären Linken ist es darum, organisiert zu existieren. Radikale Opposition braucht eine Bewegung, die sie tragt und selber eine tragende Perspektive darstellt. Denn wer den Kapitalismus überwinden will, darf nicht im Kapitalismus zwangsläufig aufgerieben werden. Es muss möglich sein, Politik unter einen Hut zu bringen mit Beruf, Kindern und zeitweiligen Rückzugsbedürfnissen. Politik ist zwar angewiesen auf die Verbindlichkeit von Ideen, doch die Einzelnen sind angewiesen auf die Verbindlichkeit von Strukturen. Aufklärungsarbeit, die nicht eingebettet ist in eine politische Bewegung, hat immunisierende Wirkung. Genauso, wie wir einen Humanismus brauchen, der nicht verzichtet auf die Waffe in der Hand, brauchen wir auch einen Pragmatismus, der nicht verzichtet auf Maximalforderungen. Wo Kritik ohne Kompromiß möglich sein sein, müssen Kompromisse eingegangen werden, um die Kontinuität der Kritik zu gewährleisten. Denn es geht uns nicht darum, an irgendwelchen Fragen auf Biegen und Brechen Entscheidungen zu erzwingen. Wichtig ist, eine kontinuierliche Praxis zu entwickeln, aus der heraus immer wieder Angriffe möglich sind. Die Wirksamkeit solcher Angriffe hängt dann weniger von uns ab aIs von der gesellschaftlichen Lage.

Umsetzung: Die Theorie der Organisierten ist organisierte Theorie
Die schärfste Kritik besteht darin, die eigenen Kriterien in der Praxis zu beweisen. Das ist die seit langem bekannte Aufgabe. Ausgangspunkt zeitgemäßer theoretischer Schulung ist nicht der Linienkampf einer auf­strebenden sozialistischen Bewegung, sondern der Neo-Liberalismus mit seinen Heerscharen der Unzufriedenen, der fehlenden historischen Notwendigkeit und der Möglichkeit jedes Einzelnen, sich lm persönlichen Gespräch umzudrehen und einfach zu gehen. Die Linke ist kein Nullsummenspiel:
Wer auf alles einhackt, damit nur das Richtige übrigbleibt, bleibt zum Schluss allein übrig. Organisationen sind trage, formulieren das Gemeinsame und setzen auf Allgemeinverständlichkeit. Im Theoretischen findet dies seine Entsprechung im gründlichen und einordnenden Umgang mit Theorien. Man muS die Gedankengebäude kennen und die Grundbegriffe klaren, da es um die Basis gemeinsamen Handelns geht.

Sorge dich nicht – denke!
Im Fall der Antifa ist dies verbunden mit dem solidarischen Umgang mit allen no ch existierenden linken Ansii.tzen sowie mit historischer Theorie. Es geht darum, das Verteidigungswürdige aufzugreifen und in einen neuen Zusammenhang zu setzen, der sich allein schon aus der neuen Situation ergibt. Es lohnt sich nicht, auf das völlig Neue zu warten. Aber es lohnt sich, das Augenmerk auf die Struktur, also die Gewichtung der eigenen Argumente zu legen und diese in der Praxis zu erproben. In diesem Sinn verrat die vorliegende Broschüre nichts Neues, sondern betont nur, was einige nicht mehr wissen wollen und andere noch nie gehört haben – gekoppelt an den Aspekt einer organisierten Linken.