Warum wir keine Freund*innen von ,Frauen*‘ sind

Sich als antifaschistische Gruppe mit Feminismus zu beschäftigen, ist für uns unerlässlich. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder zu feministischen Themen gearbeitet, ob zu Feminismus in antifaschistischen Kreisen, im Drift-Bündnis oder zum 8. März.

Dieser Text ist ein Debattenbeitrag zu dem Begriff ‚Frauen*‘ und der Verwendung des Begriffs. Der Begriff ‚Frauen*‘ wird in linken und/oder queeren Kreisen häufig verwendet. In der Vergangenheit haben wir selbst auch ‚Frauen*‘ in unseren Texten verwendet. Nach einer Auseinandersetzung mit Kritik an der Verwendung an ‚Frauen*‘ haben wir uns entschlossen, den Begriff nicht mehr zu verwenden. Damit sind wir nicht allein. Die transgeniale F_Antifa hat sich zum Beispiel bereits vor einiger Zeit für eine Kritik an ‚Frauen*‘ stark gemacht (Transgeniale F_antifa).

Es gibt Kritikpunkte an ‚Frauen*‘, die wir besonders wichtig finden. Um aufzuzeigen,welche das sind, gehen wir auf die Begründungen ein, weshalb ‚Frauen*‘ verwendet wird.

Begründung 1: „Frauen* wird mit Asterik (*) geschrieben, um zu zeigen, dass auch trans (1) Frauen mitgemeint sind!“

Das scheint auf den ersten Blick eine nette Idee zu sein, schließlich ist Transfeindlichkeit (2) ein großes Problem. Leider ist es aber keine nette Idee. Trans Frauen sind Frauen. Es braucht kein Sternchen, um trans Frauen bei Frauen mitzuzählen. Stattdessen wird durch ,Frauen*‘ so getan, als seien trans Frauen gar nicht wirklich Frauen – sonst könnte schließlich einfach von Frauen gesprochen werden.

Begründung 2: „Frauen* wird mit Asterik (*) geschrieben, um zu zeigen, dass alle Personen, die als Frauen wahrgenommen werden und/oder nicht-binäre Personen (3), auch mitgemeint sind!“

Das scheint wieder eine nette Idee zu sein – aber auch hier ist es nur der Schein. Wenn eine Person als Frau wahrgenommen wird, heißt das nicht, dass diese Person auch eine Frau ist. Das kann zum Beispiel bei nicht-binären Personen der Fall sein. Nicht-binäre Personen sind nicht-binär. Und sie sind mehr als ein Sternchen am Ende von ,Frauen*‘ und Frauen sind sie sowieso nicht.

Begründung 3: „Frauen* wird mit Asterik (*) geschrieben, um zu zeigen, dass die Kategorie Frauen ein Konstrukt ist!“

Das Muster der scheinbar netten Idee ist nun schon vertraut, hier das Gleiche nochmal: Hier soll aufgezeigt werden, dass wenn von ,Frauen*‘ gesprochen wird, von einer konstruierten Gruppe gesprochen wird. Wir wollen an dieser Stelle kein großes Für und Wider von Dekonstruktion ausbreiten, dafür gibt es genug andere Stellen. Wir wollen allerdings anmerken, dass der Ursprungsgedanke hier leider nicht aufgeht: Es wird einfach ein Sternchen dran gehangen und dann wird das Wort weiterverwendet. Ohne,das Konstrukt wirklich aufzubrechen. Und auch andere Konstrukte werden nicht mit Sternchen versehen, sondern als solche behandelt und damit gearbeitet.

Diese drei Begründungen überzeugen uns also nicht von der Verwendung von ,Frauen*‘, ganz im Gegenteil. Transfeindlichkeit hat weder Platz im Feminismus noch im Antifaschismus!

Als Alternative finden wir es gut, andere Begriffe zu verwenden.

Geht es zum Beispiel dafür, einen Kneipen-Abend ohne dya (4) cis Männer zu veranstalten, bietet es sich an, eine Einladung dafür an FLINT-Personen (5) zu adressieren.

Wenn Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus analysiert werden, macht es Sinn, genau zu schauen, wer oder was analysiert wird: Sind es Frauen? Sind es vielleicht trans maskuline Personen allgemein oder doch nur trans Männer?

Auch wir haben keine Lösung oder Alternative für jede Situation parat. Mit diesem Beitrag wollen wir jedoch dazu anregen, über scheinbar ‚woke‘ Ausdrucksweisen nochmal nachzudenken. Wenn wir Antifaschismus und Feminismus machen wollen, wollen wir signalisieren, dass dabei für alle Platz ist – und nicht nur für cis Personen.

(Es mag wie eine Alternative erscheinen, einfach von ‚weiblich gelesenen‘ Personen zu sprechen. Allerdings sollte mit dieser Ausdrucksweise vorsichtig umgegangen werden: Nur weil ich selbst denke, dass eine Person weiblich sei, heißt das noch lange nicht, dass die Person tatsächlich weiblich ist. Vielleicht lesen viele Menschen diese Person als weiblich und die Person erfährt deshalb Misogynie. Aber die Person einfach in jeder Situation als ‚weiblich gelesen‘ zu bezeichnen, kann für afab (6) trans Personen eine Form von Misgendering (7) darstellen. Gleichzeitig bleiben wir in einem binären Verständnis von Geschlecht stecken, wenn wir immer nur von ‚männlich gelesen‘ und ‚weiblich gelesen‘ sprechen.)

___________

(1) Trans wird als Adjektiv verwendet, um einen bestimmten Teil der geschlechtlichen Identität auszudrücken. Trans bedeutet, dass das Geschlecht einer Person nicht mit dem Geschlecht, was ihr bei der Geburt zu gewiesen wurde, übereinstimmt. Personen, die nicht trans sind, sind cis – was bedeutet, dass bei ihnen das reale Geschlecht und das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht übereinstimmen.

(2) Transfeindlichkeit bezeichnet die Diskriminierung von trans Menschen. Dies äußert sich z.B. durch Ablehnung, Wut, Intoleranz, Vorurteile, Unbehagen oder körperliche bzw. psychische Gewalt gegenüber trans Personen oder Menschen, die als trans wahrgenommen werden. Als internalisierte Transfeindlichkeit wird die Feindlichkeit bezeichnet, die gegen die eigene trans Identität und damit gegen sich selbst gerichtet ist. Dies passiert oft in einer transfeindlichen Umgebung und/oder vor dem eigenen inneren Coming out (Queer Lexikon).

(3) Nichtbinär oder nonbinary ist ein Begriff für und von Menschen, die nichtMann oder Frau sind, sondern beides gleichzeitig, zwischen männlich und weiblich oder weder männlich noch weiblich.

(4) Als dyadisch (dya) oder endogeschlechtlich werden Menschen bezeichnet, die nicht inter sind, also deren Körper in eine eindeutige medizinische Norm von männlichen bzw. weiblichen Körpern passen. (ebd.)

(5) Die Abkürzung FLINT steht für Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen. Inter steht hier für intersexuell. Als intersexuell werden Menschen bezeichnet, deren Körper nicht in die medizinische Norm von männlichen oder weiblichen Körpern passen.

(6) ,Assigned female at birth‘ (afab) bedeutet, dass einer Person bei Geburt das Geschlecht ,weiblich‘ zugewiesen wurde.

(7) Misgendern bedeutet, eine Person absichtlich oder unabsichtlich dem falschen Geschlecht zuzuordnen.

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